ITALIEN: Krise treibt in den Selbstmord

Wirtschaftliche Schwierigkeiten zwingen in Italien zehntausende Unternehmen in den Bankrott

In Italien haben sich seit 2009 über tausend Unternehmer und Handwerker aus wirtschaftlichen Gründen das Leben genommen. Rund 33.000 Unternehmen sind bankrott gegangen. Nun gehen Unternehmer und Gewerkschafter gemeinsam auf die Straße.

Von Wolf H. Wagner, Florenz

Es wird eine düstere Manifestation werden am Mittwoch in Rom: Zu einem „Fackelzug des Schweigens” haben die Organisatoren eingeladen, Zehntausende werden um 20 Uhr zu der Demonstration am römischen Pantheon erwartet. Das Motto: „Keine weiteren Selbstmorde mehr!” Unternehmer- und Handwerksverbände wie auch die großen Gewerkschaften haben in einer seltenen Übereinstimmung zu diesem Protest gegen die Wirtschaftsreformen der Regierung Mario Montis aufgerufen.

33.000 Bankrotte seit 2009

Düster auch der Anlass: Seit Jahresbeginn haben sich 23 Unternehmer das Leben genommen - sie waren dem wirtschaftlichen Druck, ausgelöst von der gegenwärtigen Krise, erhöht durch die Steuer- und Sparmaßnahmen der Übergangsregierung nicht mehr gewachsen. Statistiken zufolge nahmen sich 2009 bis 2011 über tausend Unternehmer und Handwerker das Leben. Motiv war meist die drückende Schuldenlast nicht zurückzahlbarer Kredite. Dabei soll es um eine Summe von insgesamt 60 Milliarden Euro (72 Milliarden Franken) gegangen sein. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. 12.000 Betriebe meldeten allein 2011 Konkurs an, im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung um 7,4 Prozent. Seit 2009 verzeichnet das Staatliche Statistikamt Istat insgesamt 33.000 Bankrotte.

Wirtschaft will Wachstum

Für einmal sind sich die Sozialpartner auf beiden Seiten einig: So kann es nicht weitergehen. „Unser stiller Protest ist ein Alarmschrei, der von allen gehört werden soll”, erklärte der Vorsitzende des regionalen Unternehmerverbandes Federlazio, Maurizio Flammini. Unternehmen, aber auch lokale, regionale und staatliche Behörden müssen endlich auf die Krise reagieren. Nach dem Sparen muss nun das Wachstum kommen, die Regierung soll dafür Bedingungen schaffen, dass Unternehmen produzieren können und nicht den Konkurs anmelden müssen, mahnt Flammini.
Mit dem stummen Protest wolle man auf die dramatische Situation aufmerksam machen, sagte der Sekretär der größten Gewerkschaft CGIL, Claudio di Berardino. Dies bedeute aber nicht, dass man sich „den Mund zunähen lasse”. Die CGIL übt massive Kritik an den Plänen der Regierung, das Arbeitsrecht aufzuweichen, sie nennt dies Maßnahmen, die die Arbeits- und Hoffungslosigkeit im Lande noch stärker beförderten. Die Arbeitslosenrate liegt gegenwärtig bei 9,4 Prozent. Dramatisch die Jugendarbeitslosigkeit: Bei den bis zu 25jährigen ist jeder Dritte ohne Beschäftigung.

Regierung gibt sich unbeeindruckt

Arbeitsministerin Elsa Fornero lässt sich nur wenig von den Protesten beeindrucken: Entweder führe man die Reformen so durch wie vorgeschlagen oder die Regierung sei bereit zurückzutreten. Die bisherigen Maßnahmen hätten nur Kritik hervorgerufen, erklärte Fornero am Rande einer Unternehmertagung in Reggio Calabria. Nachbesserungen, die auf Drängen der Gewerkschaften vorgenommen wurden, ernteten schärfste Kritik des Unternehmerdachverbandes Confindustria. In einer scharfen Note an die Arbeitsministerin erklärte der Verband, Unternehmen würden Mitarbeiter „nur aus wirtschaftlichen Notwendigkeiten” entlassen.
Eine Lösung ist nicht in Aussicht. Es ist zu befürchten, dass dem stummen Protest vom kommenden Mittwoch deutlich lautstärkere folgen werden.

Sonntag, 15.04.2012