Eine amerikanische sonderpädagogische Schule soll wegen Foltervorwürfen geschlossen werden
Nach der Anzeige einer Mutter steht eine sonderpädagogische Einrichtung in Massachusetts vor der Schließung. Die psychisch erkrankten Schüler konnten von den Lehrern gar per Fernsteuerung mit Elektroschocks gequält werden. Der Gründer steht zu der „Therapie”.
Von Sebastian Moll, New York
Es kostet einige Überwindung, die Augen auf dem Bildschirm zu behalten, wenn man dieses Video betrachtet. Ein 16 Jahre alter Junge ist mit Ledergurten an einen Tisch gefesselt, auf seinem Kopf sitzt ein Helm, der ein wenig an die Kappen erinnert, die zum Tode Verurteilte auf dem elektrischen Stuhl tragen müssen. Um ihn herum stehen vier Erwachsene, der Junge schreit sich vor Schmerz und Furcht die Lunge aus dem Hals. Man könnte meinen, der Clip stamme aus den Verhör-Zellen von Guantanamo. Doch die Aufnahme wurde an einer Schule mitten in den USA gemacht, dem „Judge Rotenberg Center” von Massachusetts, keine 200 Kilometer von New York entfernt. Das Center ist eine sonderpädagogische Einrichtung für Kinder mit Verhaltensstörungen - autistische Kinder, emotional verstörte Kinder, Kinder mit schwerwiegenden psychischen Erkrankungen. Die beliebteste therapeutische Maßnahme der Institution ist diejenige, die auf dem Video zu sehen - Bestrafung für Fehlverhalten mittels Elektroschock.
Mutter reicht Klage ein
Der Junge auf dem Video heißt Andre McCollins, seine Mutter hat Klage gegen die Schule wegen Misshandlung eingereicht. McCollins, der sich geweigert hatte, seinen Mantel im Klassenraum abzulegen, erhielt 31 Schocks. Nach der Erfahrung war er drei Tage lang katatonisch und musste auf die Intensivstation. Die Ärzte attestierten, dass er von dem Trauma bleibende Schäden davon getragen hat. Jetzt wollen Politiker des Staates Massachusetts die mit Millionen öffentlich geförderte Einrichtung schließen. Warum der Staat erst jetzt einschreitet ist allerdings rätselhaft. Beschwerden gegen das 1971 gegründete Zentrum gibt es schon lange. Im Jahr 2010 nahm eine Kommission der UNO die Schule unter die Lupe und stufte die Praktiken dort als Folter ein. „Die Pädagogen dort behaupten, die Schocks dienen einem guten Zweck. Aber das behaupten die Terrorbekämpfer auch”, hieß es in dem Bericht. „Folter ist durch nichts zu rechtfertigen.”
Gründer steht zur Therapie
Der Direktor und Gründer der Schule, Dr. Matt Israel, hält eine solche Charakterisierung freilich für übertrieben. Er nennt die Elektroschocks eine „überaus effektive Behandlungsmethode für Schüler mit emotionalen Schwierigkeiten und Verhaltensstörungen.” Die Schocks selbst hält er für nicht schmerzhafter als einen Mückenstich und für völlig frei jeglicher Nebenwirkung. In jedem Fall sei die „Therapie” deutlich schonender als eine medikamentöse Behandlung. Das Rotenberg-Zentrum ist ein Ort der letzten Hoffnung für verzweifelte Eltern. Israel nimmt jedes Kind an, gleich aus wie vielen anderen Programmen es vorher verbannt wurde. 220.000 Dollar (176.000 Euro/211.000 Franken) kassiert er dafür pro Schüler und Schuljahr, das Geld stammt zu 100 Prozent aus staatlichen Mitteln. 56 Millionen Dollar kostet das den Steuerzahler.
Elektroschocks per Fernbedienung
Das pädagogische Konzept von Dr. Israel ist simpel. Schüler, die sich fehlverhalten, werden bestraft. Echte Psychologische Behandlung gibt es im Rotenberg Center nicht. Für seine Bestrafungspraxis hat Israel ein perfides Überwachungssystem entwickelt. Jeder Schüler trägt rund um die Uhr einen Rucksack mit einer fünf Kilo schweren Batterie. Von dem Rucksack aus führen Drähte am Körper der Schüler entlang, die zu besonders sensibel Stellen führen. Wenn sich ein Schüler auffällig benimmt kann ein Lehrer per Fernbedienung sofort einen Schock auslösen. Eine solche Auffälligkeit kann so trivial sein wie das Erheben der Stimme oder lautes Fluchen.
„Schlimmster Ort der Erde”
Ehemalige Schüler beschreiben die Schocks als extrem schmerzhaft. Ein Reporter, der sich vor wenigen Jahren einen solchen Schock hat versetzen lassen, erinnert sich an „die längsten zwei Sekunden meines Lebens.” Andre McCollins wies in den Armbeugen und an anderen Stellen schwere Verbrennungen auf. Die Methode funktioniert, jedenfalls kurzfristig. Der ehemalige Schüler Rob Santana etwa sagte, er habe sich seine aggressiven Verhaltensweisen dort verkniffen. Doch stattdessen habe er mehr als einmal an Selbstmord gedacht. Und seine psychischen Probleme, die von einer Kindheit in einem Drogenhaushalt stammen, plagen ihn auch im Erwachsenenleben noch, potentiert durch das Trauma von Rotenberg. So landete er mehrmals wegen tätlichen Angriffen im Gefängnis. Eine wirkliche Bestrafung war das für Santana jedoch nicht. „Im Rotenberg war es viel schlimmer als im Gefängnis. Es ist der schlimmste Ort auf dieser Erde.”