Auf der Suche nach einem europäischen Verbündeten stößt der US-Präsident bei der Kanzlerin auf taube Ohren
Die Krise in der Eurozone lähmt die Weltwirtschaft. Und damit auch den Aufschwung der amerikanischen Konjunktur. Präsident Obama fürchtet um seine Wiederwahl und versucht daher gemeinsam mit Angela Merkel die Krise zu beenden. Aber Merkel hat andere Ideen.
Von John Dyer, Boston
Bei seiner Suche nach einem europäischen Verbündeten im Kampf gegen die Wirtschaftskrise ist Barack Obama an die Falsche geraten. Und das nicht zum ersten Mal. Als Obama noch nicht der Präsident der Vereinigten Staaten war, wollte er eine Rede am Brandenburger Tor halten. In Zeiten von George W. Bush waren Amerikaner in Europa nicht besonders populär. Obama wollte dies mit einer großen Rede ändern. Doch Angela Merkel sagte Nein. Es schien ihr nicht angemessen, dass ein Präsidentschaftsbewerber seinen Wahlkampf vor einem der berühmtesten deutschen Wahrzeichen führt. Obama musste seinerzeit mit der Siegesstatue Vorlieb nehmen.
Obama braucht Merkel
Es scheint, als habe sich das Verhältnis zwischen dem Präsidenten und der Kanzlerin seitdem kaum verändert. Sie respektieren sich und arbeiten miteinander. Aber auch heute muss sich Obama bei seinen Gesprächen mit Merkel oft ein Nein gefallen lassen. Die deutsche Ablehnung hat für Obama heute allerdings eine größere Bedeutung. Deutschland spielt bei der Bekämpfung der Eurokrise eine zentrale Rolle. Und diese Krise betrifft auch die USA. „Wenn Europa zusammenbricht, wird Obama nicht wieder gewählt”, erklärt Gary Smith, Direktor der amerikanischen Akademie in Berlin.
Fast tägliche Telefonate
Obama hat mit der Arbeitslosigkeit zu kämpfen. Nachdem die Quote über Monate sank, stieg sie im Mai wieder an. Ein schlechter Zeitpunkt, sechs Monate vor der Wahl. Dass es sich lediglich um den 0,1 Prozentpunkte handelte, hilft Obama wenig, der psychologische Schaden ist größer. Also braucht er einen Schuldigen und fand ihn mit Europa. „Europa befindet sich in einer tiefen Krise, weil sie keine eindeutigen Entscheidungen getroffen haben”, sagte der Präsident. Einige Tage später trat er mit Angela Merkel in Kontakt. Gemeinsam mit dem britischen Premierminister David Cameron unterhielt sich Obama am vergangenen Dienstag mit der deutschen Kanzlerin. Die Sprecherin Camerons klärte die Öffentlichkeit über den Inhalt auf: „Sie haben sich darauf geeinigt, gemeinsam die Krise zu bekämpfen und das Vertrauen der Märkte wieder herzustellen. Und sie wollen eine langfristige Strategie zur Stärkung des Euro.” Nur einen Tag später stand schon das nächste Gespräch an. Dieses Mal war Italiens Premierminister Mario Monti mit von der Partie. „Alle waren sich einig, dass wichtige Maßnahmen ergriffen werden müssen, um die Widerstandsfähigkeit der Eurozone zu stärken und damit für Wachstum in Europa und auch weltweit zu sorgen. Sie werden im Hinblick auf den G8-Gipfel am 18. und 19. Juni im mexikanischen Los Cabos erneut miteinander sprechen”, erklärte das Weiße Haus anschließend.
Obama will Eurobonds
Obama wünscht sich, dass Merkel mit Wachstumsprogrammen die Märkte beruhigt und die Krise der Eurozone endgültig beendet. Er betrachtet Eurobonds und eine gemeinsame Bankenaufsicht als richtige Schritte. Doch erneut sagt die Kanzlerin Nein. Die Vorschläge würden zu große Risiken für den deutschen Steuerzahler nach sich ziehen. Die Arbeitslosigkeit in Deutschland befindet sich auf einem Langzeittief und 2013 stehen Bundestagswahlen an. Merkel lehnt Änderungen ab, die Deutschlands Wohlstand gefährden. Und so lässt sie den mächtigsten Mann der Welt erneut abblitzen. „Geht es Europa noch schlechter, betrifft das die USA mehr als Deutschland”, meint der Wirtschaftswissenschaftler Jacob Funk Kirkegaard vom Petersen Institut. „Läge die amerikanische Arbeitslosigkeit drei Prozent niedriger, also bei fünf Prozent, würde Europa wahrscheinlich niemanden bei uns interessieren. Hätten wir Wachstum und keine Schulden, wäre das den Investoren egal.”
Merkel spart weiter
Angela Merkel setzt derweil ihren Sparkurs fort. „Die Idee vom großen Befreiungsschlag funktioniert einfach nicht”, sagte sie am Donnerstag unter dem Beisein von Cameron und dem norwegischen Premierminister Jens Stoltenberg. „Die Probleme sind über Jahre entstanden und jetzt wird es einige Zeit dauern, bis das System wieder funktioniert.” Es scheint, als ob Obama Merkel nicht vom Gegenteil überzeugen kann. Umso mehr Druck er versucht, aufzubauen, desto eindeutiger ist Merkels Absage. Und diese ähnelt ihrer Botschaft an Griechenland: Lebt im Rahmen Eurer Möglichkeiten. „Die Regierung Merkel ist es einfach leid, von den USA ständig Ratschläge zu erhalten”, sagt Fredrik Erixon vom Europäischen Zentrum für internationale Wirtschaftspolitik. „Es macht sie schlicht wütend, wenn jemand wie US-Finanzminister Timothy Geithner meint, er müsse Europa erklären, was es zu tun hat. Und das angesichts der eigenen Probleme.”