USA: Ein Brite für New York

New York Times erhält neuen Geschäftsführer - Aufbruch ins digitale Zeitalter

Mark Thompson soll die New York Times in das digitale Zeitalter führen. Der Brite, der seine bisherige Karriere beim Londoner Staatssender BBC verbracht hat, wird neuer Geschäftsführer des New Yorker Verlagshauses. Thompson ist als knallharter Sanierer bekannt.

Von Sebastian Moll, New York

Die Nachrichten aus dem Verlagshaus der New York Times in den vergangenen Wochen haben den Aktionäre der Firma nicht eben Anlass gegeben, sich entspannt zurück zu lehnen. Anfang August berichtete die Firma einen Verlust von 88 Millionen Dollar (72 Millionen Euro/86 Millionen Franken) im zweiten Quartal. Gleichzeitig war das Schiff noch immer ohne Kapitän, nachdem im vergangenen Dezember die langjährige Geschäftsführerin Janet Robinson unter bis heute unklaren Umständen zurück getreten war.

BBC-Manager soll Times führen

So war der Verlagserbe Arthur Sulzberger unter massivem Druck zu handeln. An diesem Dienstag war es nun so weit: Sulzberger präsentierte der Belegschaft und den Teilhabern der Zeitung einen neuen Chef. Ab sofort soll der Brite Mark Thompson die wohl wichtigste Zeitung der Welt in ihre digitale Zukunft führen.
Die Wahl von Thompson war in vielerlei Hinsicht eine Überraschung. Einen Manager von außen an Bord zu holen, passt nicht zum Stil der Times, die noch immer im wie ein Familienunternehmen geführt wird. Vor allem ist Thompson jedoch kein Zeitungsmann: Er hat seine gesamte Karriere beim britischen Fernsehsender BBC zugebracht.

Ideal für digitales Zeitalter

Gerade das, verteidigte Sulzberger in einem Statement seine Wahl, qualifiziere Thompson jedoch besonders, die alte Times durch den Strudel der digitalen Transformation zu steuern. Schließlich habe er bei der BBC ähnliches vollbracht: „Er hat die Identität der bewähren Marke BBC bewahrt und sie gleichzeitig um digitale Produkte und Dienstleistungen erweitert”, so Sulzberger. „Das macht ihn zum idealen Kandidaten für uns.”
In der Tat hat Thompson in seiner Zeit am Ruder von BBC bei dem Traditionssender eine ganze Palette neuer Angebote ins Leben gerufen. Dazu gehörte das kostenlose HD-Satellitenfernsehen Freesat, eine Beteiligung am digitalen Fernsehsender YouView sowie dem größten Video on Demand-Dienst in Großbritannien.

Knallharter Sparer

Zynischere Beobachter glauben unterdessen, dass sich Sulzberger Thompson weniger wegen seiner digitalen Kompetenzen ausgeguckt hat, als wegen anderer Fähigkeiten. Ähnlich der Times hat die BBC in den vergangenen Jahren eine überaus holprige Phase durchgemacht. In dieser Zeit hat sich Thompson sowohl als Innovator, als auch als knallharter Sparer profiliert. Er hat erfolglose Sendungen und Webseiten gnadenlos vom Netz genommen und mehr als 2000 Stellen gestrichen.
Ähnliches könnte der Times bevorstehen. Die Einführung der Bezahlschranke für das Onlineangebot der Zeitung hat sich zwar als Erfolg herausgestellt. Die Zeitung hat heute mehr als eine halbe Millionen digitaler Abonnenten. Doch die positiven Signale im digitalen Sektor vermochten noch immer nicht die Verluste durch den Umsatzrückgang im Anzeigengeschäft und den anhaltenden Auflagenschwund der Printausgabe aufzufangen.

Times schnallt Gürtel enger

Deshalb hat die Times bereits begonnen, massiv den Gürtel enger zu schnallen. In den vergangenen Monaten wurde eine ganze Gruppe an Regionalzeitungen abgestoßen. Im Juli kündigte der Verlag an die defizitäre Service-Website About.com zu verkaufen. Und zu Beginn des Jahres kam es zu einer harten Konfrontation mit den Redakteuren der Zeitung, weil der Verlag die Rentenfonds der Angestellten einfrieren wollte.
Die Journalisten werteten diesen Schritt als Abkehr des Verlags von seiner erklärten Politik, auch in schweren Zeiten unter keinen Umständen die Qualität des Produkts zu kompromittieren. Besonders sauer war bei all dem den Redakteuren aufgestoßen, dass Sulzberger kurz zuvor Thompsons Vorgängerin Janet Robinson eine Abfindung von 24 Millionen Dollar ausgezahlt hatte.

Journalistische Qualität erwünscht

Sulzbergers Hoffnung ist nun unter anderem, dass es Thompson leichter fällt als ihm selbst, dem Newsroom drastische Veränderungen zu verkaufen. Deshalb betonte Thompson wohl auch gleich zu Beginn, „dass er sich zu allererst als Journalist” begreife. Und in der Tat hat er bei der BBC bewiesen, dass ihm hohe journalistische Standards am Herz liegen. Bei allen Umwälzungen, schreibt der Londoner Guardian, habe Thompson immer hart dafür gekämpft, die redaktionelle Integrität der BBC zu bewahren.
Nun kann man nur hoffen, dass ihm ein solcher Spagat auch bei der Times gelingt. Die Zeitung bleibt das Flaggschiff der Branche - ihr Schicksal wird weltweit als Gradmesser dafür betrachtet, wie es mit dem Nachrichtengewerbe insgesamt weiter geht.

Mittwoch, 15.08.2012