SCHWEDEN: Die Lüge von der gesunden Milch

Schwedisches Lebensmittelamt warnt vor zu hohem Konsum von Milchprodukten – Zu viele Milchprodukte könnten Prostatarisiko verfünffachen

Milch scheint nicht so gesund zu sein, wie die Allgemeinheit denkt. Vor allem Männer, die zu viel Milchprodukte konsumieren, könnten ihr Prostatakrebsrisiko dadurch erheblich erhöhen, warnt das schwedische Lebensmittelamt und beruft sich dabei auf eine Vielzahl von Studien.

André Anwar, Stockholm

Wie war das doch gleich? Milch macht müde Männer munter? Das behauptete der in den Fünfzigerjahren entstandene und mitunter erfolgreichste Slogans in der deutschen Werbegeschichte. In der Nachkriegszeit wurde viel Wert auf Nahrhaftigkeit gelegt. Milch wurde zum alltäglichen Grundnahrungsmittel. Und in der Tat unterstreicht das schwedische Lebensmittelamt, dass Kalzium wichtig für den Knochenbau ist. Allerdings, so warnen die obersten Lebensmittelhüter des skandinavischen Landes nun, konsumierten vor allem ältere Schweden zu viel Milch und andere Molkereiprodukte. Zahlreiche Studien belegten, dass zu viel Milch sogar tödlich sein könne, warnt Irene Mattisson vom schwedischen Lebensmittelamt. Neben den Skandinaviern liegen auch die Deutschen mit einem Durchschnitt von 85 Kilogramm Frischmilcherzeugnissen pro Jahr an der Weltspitze beim Kalziumverzehr.

Studienresultate widersprechen sich

Studien des einmal im Jahr die Nobelpreise vergebenden Karolinska Institutes (KI) in Stockholm haben aufgezeigt, dass hoher Milchkonsum das Risiko von Männern, an ernstem Prostatakrebs zu erkranken, verfünffacht. Allerdings ist der Zusammenhang umstritten. Es gibt auch eine Vielzahl von Studien, die eine verschwindend geringe oder gar keine Kopplung zwischen Milch beziehungsweise Kalzium und Prostatakrebs nahelegen.
Solche Resultate seien nicht selten abhängig davon, wer diese Studien durchführe, sagt Alicia Wolk, Volksernährungsprofessorin am Karolinska Institut. Die entwarnenden Studien seien ihrer Einschätzung nach wissenschaftlich oft nicht besonders überzeugend, so die Professorin. „Auch die großen gewissenhaft durchgeführten Harvard-Studien sehen, so wie wir, einen deutlichen Zusammenhang“, so Wolk. Hierin werde aufgezeigt, dass der tägliche Genuss von einer großen Menge von Milchprodukten zu einem aggressiveren, Metastasen streuenden Verlauf von Prostatakrebs führten, fasst Wolk die Forschungsergebnisse zusammen.

Höchstmenge von Kalzium einhalten

Das stark erhöhte Krebsrisiko führen Wissenschaftler auf die Hypothese zurück, dass zu viel Kalzium die Zellen schützende, Vitamin-D-Balance im Körper stört. Gerade in wenig sonnigen nord- und mitteleuropäischen Regionen kann zu viel Kalzium demnach die Produktion von aktivem Vitamin D mithilfe des Sonnenlichts negativ beeinflussen. Eine andere Theorie geht davon aus, dass die Aminosäuren in der Milch die körpereigene Produktion von Wachstumshormonen steigern. Das soll dann vermehrt zum insulinähnlichen Wachstumsfaktor igf-1 beitragen und damit auch das schnellere Wachstum von Tumoren begünstigen.
Das Lebensmittelamt empfiehlt deshalb, die täglich empfohlene Höchstmenge an Kalzium von 800 Milligramm pro Tag bei Erwachsenen nicht zu überschreiten. Vor allem bei einem großen Anteil der schwedischen Männer ab 65 Jahren, liege die durchschnittliche, tägliche Einnahme derzeit jedoch bei bedenklichen 2.000 Milligramm.

Kalzium in vielen Lebensmitteln

Das liegt mitunter daran, dass Milch gerade in der westlichen Welt als gesund gilt und sehr populär ist. Zum einen dürfte das auf die mit Deutschland vergleichbaren Milchkampagnen in anderen Ländern nach dem Zweiten Weltkrieg zurückzuführen sein. Gleichzeitig gehören Nord- und Mitteleuropa zu den Regionen, in denen die Viehzucht sich historisch relativ früh zu einem wesentlichen Wirtschaftszweig ausbreitete. Allein die bloße Verfügbarkeit von Milch machte sie zu einem häufig konsumierten Lebensmittel.
„Aber es ist ein verbreiteter Irrtum zu glauben, dass es zwingende, gesundheitsfördernde Gründe gibt, Milch zu trinken“, sagt Ernährungswissenschaftlerin Mattisson vom Lebensmittelamt. Menschen brauchten zwar ohne Zweifel Kalzium. Aber auch in vielen anderen Nahrungsmitteln sei viel davon enthalten, ohne dass man es wisse. Die schwedische Bevölkerung nehme heutzutage laut Statistik ohnehin schon 49 Prozent ihres Kalziums von Produkten auf, die nicht in den Milchbereich fielen, so Mattisson.

Milch soll schläfrig machen

Das Fazit der schwedischen Behörde: Während der Milchverbrauch bei jüngeren Generationen erfreulicherweise ohnehin fallend sei, müssten vor allem ältere Menschen aufpassen. Sie neigten dazu, das Mass zu überschreiten, weil sie glaubten, dass es des Guten nie zu viel sein kann. Doch das kann es offenbar.
Auch zu der Behauptung, Milch mache müde Männer munter, gibt es unterschiedliche Auffassungen. So behaupten einige Wissenschaftler, dass der hohe Gehalt des in den Milch-Aminosäuren enthaltenen Stoffes Tryptophan eher schläfrig macht.

Donnerstag, 26.01.2012