RUSSLAND: Staat will Flughafen zurück

Moskauer Flughäfen sollen vereinigt werden - Einziger privater Flughafen vor erneuter Verstaatlichung

Moskaus einziger privater Flughafen Domodjedowo ist überlastet. Viele westliche Fluggesellschaften ziehen daher weg. Nun muss auch noch die einzige Landebahn saniert werden. Nun sollen alle drei Flughäfen der Stadt fusioniert werden, um einen Kollaps zu vermeiden.

Von Axel Eichholz, Moskau

Die Tageszeitung „Kommersant” hat gestern einen Regierungsplan der Zusammenlegung aller drei Moskauer Flughäfen veröffentlicht, der ihr inoffiziell zugespielt wurde. Da die Flughäfen Scheremetjewo, Domodjedowo und Wnukowo bis zu 100 Kilometer voneinander entfernt liegen, handelt es sich dabei um eine organisatorische Verschmelzung und Koordinierung bei der Nutzung der Start- und Landebahnen, die dem Staat gehören. Das russische Transportministerium möchte deren Auslastung zentral verwalten und die Flugpläne der einzelnen Fluggesellschaften abstimmen. Die meisten Probleme bereitet der größte und einzige voll privatisierte Flughafen Domodjedowo im Süden der Hauptstadt. Faktisch geht es um dessen Wiederverstaatlichung.

Domodjedowo überfordert

Zurzeit ist Domodjedowo klar überfordert. Der Flughafen transportiert 26 Millionen Fluggäste jährlich, verfügt aber nur über 170.000 Quadratmeter Abfertigungskapazitäten. Die Gesamtfläche von 350.000 Quadratmeter ist für diese Passagiermenge ebenfalls viel zu klein. Als Folge ziehen internationale Fluggesellschaften wie Swiss, Austrian Airlines, Turkish Airlines, SAS und Transaero dort weg. Im Mai verlegt die deutsche Lufthansa ihre Büros und Flüge nach Wnukowo. Wenn man nichts dagegen unternehme, werde Domodjedowo bis Ende 2013 rund zehn Millionen Fluggäste verlieren, warnen Regierungsexperten. Auch reichen verfügbare Mittel aus dem Staatshaushalt für den Bau einer zweiten Start- und Landebahn in Domodjedowo und einer dritten in Scheremetjewo nicht aus. Die erste muss dringend repariert werden. Alle drei Flughäfen brauchen eine neue Infrastruktur. Man hoffe, dass der befürchtete Kollaps des Flugverkehrs in Moskau nach der Schließung der zweiten Start- und Landebahn zur Reparatur 2014 in Domodjedowo vermieden wird, wenn die geplante Zusammenlegung zu Stande komme, heißt es.

Private sollen mitfinanzieren

Bei einer Beratung beim Transportminister Igor Lewitin ging es vor zwei Wochen darum, wie sich das Defizit der staatlichen Finanzierung decken ließe. Das soll im Rahmen einer staatlich-privaten Partnerschaft durch Konzessionsvergabe geschehen. Die erfolgten Investitionen sollen aus der Vermietung der Flug- und Landebahnen zurückgezahlt werden. Allerdings sind die bestehenden Tarife dafür zu niedrig. Wenn sie auf 400 Millionen Rubel (10 Millionen Euro/12 Millionen Franken) angehoben werden, wird es erst in 40 Jahren gelingen. Als Alternative wird eine Konzession für die drei kompletten Flughäfen erwogen. Der Staat müsste dann die Flughafengebäude kaufen und an die Investoren übergeben. Als letzte Möglichkeit gilt eine Privatisierung der Luft- und Landebahnen. Diese seien aber sehr teuer. Das ginge zu Lasten der Besitzer von Domodjedowo und der Mitbesitzer von Scheremetjewo und Wnukowo, also von Banken und der Fluggesellschaft Aeroflot.

Bombenanschlag gab Regierung eine Chance

Die Flughafenleitungen und -besitzer halten sich mit Kommentaren zurück. Die vorwiegend staatlichen Scheremetjewo und Wnukowo betreiben zwar bereits die Vereinigung. Die Besitzer von Domodjedowo würden den Flughafen aber lieber wieder an privat verkaufen. Sie wollen bei der faktischen Verstaatlichung nicht übers Ohr gehauen werden. Trotz der Verschmelzungspläne stehen sie in Gesprächen mit einem übernahmewilligen Partner. Die russische Regierung trägt sich bereits seit Jahren mit ihrem Plan, doch konnte sie zunächst nichts gegen die legitimen Besitzer von Domodjedowo ausrichten. Erst nach dem Bombenanschlag in der Ankunftshalle im Januar 2011, der Dutzende von Toten und Verletzten forderte, sah sie eine Chance. Den Flughafenbesitzern wurde vorgeworfen, nicht ausreichend für die Sicherheit gesorgt zu haben. Diese hielten entgegen, für die Sicherheit seien die Polizei und der Geheimdienst zuständig, auf die sie keinen Einfluss hätten.

Donnerstag, 03.05.2012