RUSSLAND: Russlands Feuer lodern weiter

Neue Brände an der Wolga – Kommunisten fordern personelle Konsequenzen

Entgegen der offiziellen Verlautbarung herrscht in manchen Teilen Russlands noch immer das Feuer. Allein in Wolgograd brannten an einem Tag fast tausend Häuser ab, mindestens sechs Menschen starben dabei. Und der Unmut über das Verhalten der Regierung wächst.

Von Axel Eichholz, Moskau

Schon am 21. August hatte Präsident Dmitri Medwedew die Brände in Russland „im Wesentlichen“ für  beendet erklärt. Der Notstand in sieben zentralrussischen Gebieten wurde aufgehoben. Am 30. August verkündete der für den Brandschutz zuständige Katastrophenschutzminister Sergej Schoigu, alle nennenswerten Brandherde seien niedergekämpft worden. Offenbar waren diese Siegesmeldungen verfrüht. Allein im Gebiet Wolgograd verbrannten gestern im Laufe von nur 24 Stunden mehr als 800 Gebäude. Gut die Hälfte davon waren Wohnhäuser. Mindestens sechs Menschen fielen den Flammen zum Opfer. Fünf weitere werden vermisst. 14 mussten mit zum Teil schweren Brandwunden in Krankenhäuser eingeliefert werden. Rund tausend obdachlos Gewordene fanden in provisorischen Unterkünften Unterschlupf.

Strafrechtliche Ermittlungen gegen unbekannt

Berichten zufolge wurden in fünf Fällen strafrechtliche Ermittlungen gegen unbekannt eingeleitet. Wie ein Sprecher des Katastrophenschutzministeriums informierte, wurden die Brände in neun Fällen durch abgerissene und sich verschlingende, unter Strom stehende elektrische Leitungen verursacht. Die seit Wochen anhaltende Hitze an der mittleren Wolga gipfelte diese Woche in Gewitterstürmen. Starker Wind entwurzelte Bäume und knickte Lichtmaste um. Bei Kurzschlüssen entstehende Funken zündeten trockenes Gras an, von dem das Feuer auf Büsche und Bäume übergriff. In zwei Fällen hätten sich die Flammen entlang der Eisenbahngleise verbreitet, heißt es. Quelle dieser Brände seien aus vorbeifahrenden Zügen geworfene glühende Zigarettenstummel gewesen. Leer stehende Häuser seien durch Unachtsamkeit von Landstreichern, die darin übernachtet hatten, abgebrannt. Wald- und Steppenbrände griffe  n auf Dörfer über. In einem Fall entzündete sich als Viehfutter angehäufte Silage von selbst.

Gebiet Wolgograd am schlimmsten betroffen

Gestern Abend brannte es in zwei Siedlungen bei Wolgograd immer noch. Im benachbarten Gebiet Saratow jedoch wurden gestern alle Brände offiziellen Berichten zufolge gelöscht. Dort war das Ausmaß der Katastrophe auch wesentlich kleiner. In fünf Ortschaften vernichteten die Flammen 30 Bauten, darunter 20 Wohnhäuser. Die Gesamtfläche der Wald- und Steppenbrände erreichte dort 386 Hektar. Am Stadtrand von Togliatti, wo der russische Kleinwagen Lada gebaut wird, musste die Bundestraße M1 stundenlang, vor allem in der Nacht,  gesperrt werden. Denn wegen Qualm und Dunst erreichte die Sicht dort nur 50 Meter. Es brannte sogar auf dem Stadtgebiet. Bei Wolgograd standen gestern Nachmittag immer noch zwei Siedlungen in Flammen. Gut zwei Dutzend Ortschaften in der Umgebung blieben ohne elektrischen Strom. Der Regierungschef Wladimir Putin wies gestern eine Milliarde Rubel (25,6 Millionen Euro / 33,3 Millionen Franken) für die Folgenbeseitigung an der mittleren Wolga an.

Kommunistenchef will Regierung zur Rechenschaft ziehen

Der russische Kommunistenchef Gennadi Sjugabow fordert von der Regierung, vor der Duma Rechenschaft abzulegen. Eine der ersten Sitzungen des Hohen Hauses nach den Sommerferien müsse den Bränden und der Folgenbeseitigung gewidmet werden, erklärte er gestern. Die Regierung solle „vollzählig“ in die Duma kommen und darüber berichten, sagte Sjuganow. Er fordert personelle Umbesetzungen und Absetzungen. „Ohne personelle Änderungen im Kabinett werden wir nicht weiter kommen“, erklärte der Kommunistenführer.

Freitag, 03.09.2010