Morgen soll das Urteil gegen die russische Punkband verkündet werden - Playboy macht Sängerin Angebot
Am Freitag soll das Urteil im Pussy-Riot-Prozess verkündet werden. Der Fall ist längst zum Symbol für das heutige autoritäre Russland geworden. Ungeachtet des Urteils gelten Kreml und Kirche als die Verlierer. Überraschenderweise spielt auch ein Mordprozess eine Rolle.
Von Axel Eichholz, Moskau
Vor der für Freitag geplanten Urteilsverkündung im Pussy-Riot-Prozess steigt die Spannung. Gestern bildeten Anhänger der verfolgten Punkgruppe auf den Stufen der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale mit großen Buchstaben in den Händen den Spruch „Selig sind die Mildtätigen”. Die Wachen der Patriarchenkirche griffen die Demonstranten an. Auch Journalisten bekamen Schläge ab. Die Polizei nahm drei Protestteilnehmer fest. Auf der anderen Kremlseite streute ein Besucher im Lenin-Mausoleum Fotos des „Punkgebets” auf den Fußboden. Auf die Frage nach dem Sinn seiner Aktion gefragt sagte der 50jährige, er habe „Opa Lenin damit eine Freude bereiten wollen”. Aus Wien kam per Facebook die Kunde von einer Wiederholung der Pussy-Riot-Aktion. Zwei Maskierte in Frauenkleidern, der Statur nach zu urteilen Männer, entfalteten in der russisch-orthodoxen Nikolauskirche vor dem Altar Spruchbänder mit den Aufschriften „Gott liebt Pussy Riot” und „Freiheit für Pussy Riot”.
Eine Woche Verlegenheitspause
Die eigentliche Gerichtsverhandlung war bereits vor einer Woche zu Ende gegangen. Die überlange theatralische Pause sorgte für Ratlosigkeit. Die Richterin Marina Syrowa hatte den Prozess mit allen Mitteln vorangetrieben. Die Angeklagten bekamen keine Mittagspause und durften während der Sitzungen nicht einmal auf die Toilette gehen. In Medienkommentaren hieß es, entweder habe die Richterin an dem vom Staatsanwalt geforderten Strafmaß - je drei Jahre Arbeitslager - Zweifel, oder sie habe „von oben” noch kein Signal bekommen, wie hart die Strafe werden soll. Möglicherweise hatten Patriarchat und Kreml die Hoffnung, die Aufregung um Pussy Riot werde sich in dieser Woche legen, und das Urteil werde vor dem Wochenende, an dem in Russland keine Zeitungen erscheinen, weniger beachtet. Die Beteiligten hatten sich derweil mit dem Freiheitsentzug für die Frauen mehr oder weniger abgefunden. Die Verteidiger hatten Fürsorgerecht für deren Kinder beantragt, weil diese in einem Heim hätten landen können.
Mordprozess könnte Einfluss haben
Ein Indiz weist darauf hin, dass eine harte Strafe geplant war. Parallel zum Verfahren läuft ein Aufsehen erregender Mordprozess in Moskau. Vor genau einem Jahr schlug bei einem Streit vor einem Moskauer Nachtklub der Karateweltmeister Rassul Mirsajew den 19jährigen Iwan Agafonow mit der Hand auf den Kopf, so dass dieser umkippte. Zwar kam er wieder zu sich, starb aber ein Paar Tage später an Gehirnblutung. Karateka Mirsajew wurde ursprünglich wegen schwerer Körperschädigung mit Todesfolge angeklagt, worauf 15 Jahre Lager stehen. Nun setzten sich für ihn aber der Karateverband und die Regierung der Nordkaukasusrepublik Dagestan ein. Mirsajew werde im nationalistischen Moskau als Kaukasier verfolgt, hieß es. Dass Karateschläge tödlich sein können, blieb unerwähnt. Ende Juli wurde die Anklage in „fahrlässige Tötung” geändert. Diese Woche hätte Mirsajew zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt und freigelassen werden sollen, der Prozessrichter legte aber überraschend Protest ein. Der Fall wird neu aufgerollt. Zwei Jahre auf Bewährung für einen Mord und drei Jahre richtiger Knast für einen Dumme-Mädchen-Streich - das hätte böses Blut geben müssen.
Kirche und Staat haben verloren
Kirchliche und weltliche Behörden in Moskau sind offensichtlich verwirrt. Das Patriarchat versuchte in dieser Karenzwoche recht ungelenk, die Version zu streuen, wonach die Punkrockerinnen angeblich von geheimnisvollen „anti-christlichen Kräften” missbraucht wurden. Die Angeklagten hätten wohl nicht begriffen, dass ihnen richtiges Gefängnis blüht, hieß es. Der Prozessverlauf zeige jedoch deutlich, dass sie sich darüber voll im Klaren waren und dieses Opfer bewusst akzeptierten. Jedenfalls wirkten sie deutlich überzeugender, als ihre Widersacher. Zudem waren sie als Titelgeschichte im „Spiegel”. Der ukrainische Playboy will nun Nadja Tolokonnikowa als das Playmate des Monats bringen. Ganz gleich, wie das Urteil ausfällt, haben Kirche und Staat den kürzeren gezogen.
Urteil kommt frühestens Freitagabend
Was das Urteil selbst anbetrifft, so sind immer noch Überraschungen möglich. Theoretisch könnten Staat und Kirche angesichts massiven Widerstandes Vernunft annehmen und auf Freiheitsstrafen verzichten. Danach sieht es aber nicht aus. Es ist bereits vorgekommen, dass das richterliche Urteil die vom Ankläger geforderte Strafe an Härte übertraf. Übrigens beginnt in Russland die Urteilsverkündung immer mit der Verlesung der Begründung, die sich mit der Anklageschrift weitgehend deckt. Für die Anklage hatte die Richterin Syrowa zu Prozessbeginn fast einen ganzen Tag gebraucht. Wenn es gut geht, wird also das Strafmaß erst am späten Freitagabend bekannt gegeben. Oder eben erst am Montag.