Polnisches Gesundheitswesen ist noch nicht auf EM-Niveau - Chef des nationalen Gesundheitsfonds wegen Misswirtschaft entlassen
Die polnischen Vorbereitungen auf die Fußball-EM, die renovierten Bahnhöfe und Flughäfen, die rechtzeitige Fertigstellung der Autobahn A2 werden hoch gelobt. Weniger spricht man von der medizinischen Infrastruktur. Denn mit dieser ist es nicht so gut bestellt.
Von Jens Mattern, Warschau
Polen hat Jahre des Wachstums hinter sich. Doch das Gesundheitswesen konnte nicht mit dem allgemeinen Aufschwung nicht mithalten. Keine Regierung hat es bislang geschafft, dass staatliche System wirklich zu reformieren. Das Nationale Gesundheitsfond NFZ, in das jeder Steuerzahler einzahlen muss, leidet unter akuten Zahlungsschwierigkeiten.
Verantwortlicher muss den Hut nehmen
Der NFZ-Vorsitzende Jacek Paszkiewicz wurde gerade am Dienstag vom polnischen Gesundheitsminister Bartosz Arlukowicz wegen Misswirtschaft entlassen.
Überfüllte Spitäler mit Betten auf den Gängen, langen Wartezeiten und unterbezahltes Personal lassen die Mittelschicht darum in private Krankenhäuser und vor allem „Przychodnias” ausweichen, die etwa einer britischen „Clinic” entsprechen: Hier bieten Allgemeinmediziner und Spezialisten ambulante Behandlung an. Das Hausarztsystem gibt es in Polen nicht.
UEFA-Elite wird begünstigt
Das wirkt sich auch auf die EM aus. Eine Zusammenarbeit mit der sogenannten „UEFA-Family” (Spieler, Funktionäre und Sponsoren) können sich die staatlichen Krankenhäuser finanziell nicht leisten. Denn diese Gruppe erwarten frei gehaltene Betten unbekannter Anzahl und einen sofortigen Zugang zu jedem Facharzt ohne jegliche Wartezeiten, ohne für den „Standby-Service” bezahlen zu wollen. Private Kliniken bauen auf das Prestige, das sie durch die Behandlung eines prominenten Fußballspielers gewinnen können. Die UEFA-Begünstigten sind übrigens zahlreich, sie machen rund 27 000 Personen und haben für die die Spiele in Polen und der Ukraine vier Prozent der Eintrittskarten für sich reserviert.
Der gewöhnliche Fußballfan findet im Warschauer Stadion zehn sanitäre Versorgungspunkte mit mindestens einem Arzt und einer Krankenschwester vor. Sanitäter sollen die Zuschauertribünen patroulieren. Insgesamt stehen in der Hauptstadt 220 Rettungssanitäter bereit, so die Angaben der Stadt, sowie rund 300 extra Betten, verteilt in allen Krankenhäusern.
Wer stationär behandelt werden muss, kommt vom Stadion aus in das ein Kilometer entfernt liegende Spital Bródnowski mit 669 Betten. UEFA-Mitglieder werden in das staatliche, aber weitaus besser ausgestattete Militärkrankenhaus gefahren, oder in eine der vertraglich verpflichteten Privatkrankenhäuser. Ähnlich sieht die Situation in den anderen Austragungsorten Breslau, Posen und Danzig aus.
Keine Extramittel für staatliches Krankenhaus
Piotr Golaszewski, der Sprecher des Warschauer Spitals Brodnowski verbreitet am ersten Tag der Europameisterschaft am Telefon Zuversicht. „Zu uns kommen nur die schweren Fälle, die nicht ambulant behandelt werden können. Das sind gewöhnlich zwei bis drei Personen.” Das Krankenhaus habe zudem zehn Operationssäle. Bei einem wirklichen Krisenfall werden die Patienten von einem Koordinator an andere Spitäler verteilt. Dank dieser Verteilung habe das Krankenhaus auch keine Personalaufstockung zur EM nötig, so der Sprecher.
Es gibt jedoch auch einen anderen Grund für die mangelnde Extra-Bereitschaft: Weil das Krankenhaus der Wojewodschaft Masowien angehört, bekommt es keine finanzielle Unterstützung für eine vergrößerte medizinische Bereitschaft, da das entsprechende Budget von der Stadt Warschau verwaltet wird. Und diese verteilt die Gelder allein an städtische Spitäler. Ein typisch polnischer Behördenstreich, der hoffentlich ohne Folgen bleibt.
Versicherung gilt nicht in Privatspitälern
Älteres Personal kann in der Regel eher Deutsch als Englisch, bei den jüngeren ist es anders herum. Nach Angaben der Pressestelle des Gesundheitsministeriums gilt hier die Europäische Krankenversicherungskarte (EHIC), es müssen keine zusätzliche Zahlungen getätigt werden. Bei einer Versorgung in einer privaten Clinic „Przychodnia” oder einem privaten Krankenhaus muss in der Regel selbst gezahlt werden. Für eine Sprechstunde mit einem allgemeinen Arzt oder einem Facharzt müssen 30 bis 40 Euro gezahlt werden. Was eine Hospitalisierung kosten kann, können oder wollen die privaten Zentren nicht verraten. Schließlich ist es eine unbezahlbare Ehre, vom gleichen Arzt behandelt zu werden, der sich gerade um Ronaldos Knie gekümmert hat.