Zwei Romandebüts aus dem Osten und dem Westen Deutschlands erzählen von Frauen und ihrem Scheritern an Männern
Saskia Fischer und Manuela Reichart widmen sich in ihren Romandebüts demselben Thema: Frauen, die an Männern scheitern. Während Fischers Protagonistin nach einem epileptischem Anfall ihr Leben überdenkt, nutzt Reichart das Sterbebett als Auslöser für die Reflexion.
Von Roland Mischke
Zwei Autorinnen lassen ihre Protagonistinnen im Krankenhaus zu entscheidenden Erkenntnissen gelangen. Die eine nach einem Zusammenbruch, die andere, während sie stirbt. In beider Frauenleben geht es letztlich um die Liebe, aber eine, die nicht hielt, was sie versprach, die enttäuschte, ja, zum wütenden Dämon wurde. Es sind schmale Bücher, die das schildern. In beiden tritt das Ungeschützte hervor, dem wir Menschen ausgeliefert sind, sobald wir uns auf andere Menschen einlassen. In eindringlicher - und deshalb so anrührender - Form werden wir damit konfrontiert, dass von Träumen und Hoffnungen nicht viel bleibt, dass die Flüchtigkeit des Lebens alles überschattet und Illusionen uns bis zuletzt quälen, weil sie sich immer neu als trügerisch erweisen.
Autorin glänzte bereits als Lyrikerin
Aleit heißt die Ich-Erzählerin von „Ostergewitter”, dem ersten Roman der 1971 in der DDR geborenen Saskia Fischer, die bereits als Lyrikerin auf sich aufmerksam machte. Als junge Mutter erleidet Aleit am österlich gedeckten Tisch einen Anfall, vermutlich epileptischer Art, und wird in ein Krankenhaus gebracht, um dort allerlei Tests zu erleben auf dem Weg zu einer Diagnose. Ihr bester Arzt wird aber Aleit selbst, im Krankenzimmer fängt sie an, über und um ihr Leben zu schreiben, sie ringt eine Woche lang mit ihrer Vergangenheit. Der Text wird zur Chronik von Schmerz und Einsamkeit. Die Leser werden in eine DDR zurückversetzt, deren Nostalgiker oft vergessen, dass sie auch diese Seiten hatte. Aleits Vater war ein evangelischer Theologe, ließ aber Freundin und Tochter allein. Die Mutter wird mit den ideologischen und praktischen Forderungen des Alltags nicht fertig, auch nicht mit dem neuen Liebhaber, der ihre geplante Ausreise in den Westen nicht gut findet. Die Erziehung ist nicht nur streng, sondern auch absolut freudlos, das staatliche Kinderverwahrungssystem betreibt nur eine Abrichtung, der kleine individuelle Mensch weder gesehen noch geschützt noch gefördert. Was nach Abrechnung klingt, ist aber stark in den Details, im Beschreiben eintöniger Tage im Land des Uranbergbaus unter rauchenden Schloten. Das wirkt genau erinnert, authentisch.
Dem Stievater als Sexualobjekt überlassen
Ohne Anregung, ohne Geschichten und Welterklärungen, ohne Baden im Sommer oder Kunstbesuch lebt das Mädchen. Dafür mit dem Zwang zum Gehorsam und zum Verzehren von Kalbshirn. In einer allmählich um sich greifenden Verwahrlosung, die schließlich auch nicht mehr das Letzte ausschließt, was eine Mutter ihrer Tochter antun kann. Sie überlässt sie als Sexualobjekt dem Stiefvater, der systematisch ein Parallelverhältnis aufbaut und Aleits Kindheit vor der Zeit aus der Kurve schleudert. Im Westen angekommen, will sie Feindtling, wie ihr Feind heißt, abschütteln. Aber es gelingt nicht in ihrer eigenen Ehe, nicht als Geliebte, nicht als Mutter. Der feindliche Stiefvater mutiert zum feindlichen Ehemann, im „Ostergewitter” explodiert das Verhältnis, womöglich Aleits ganzes Leben. Denn nach dem Zusammenbruch ist nichts mehr wie zuvor.
Verstehen bis zuletzt
In Manuela Reicharts Kurzprosa „Zehn Minuten und ein ganzes Leben” erlebt eine Frau ihre letzten Tage. Kurz und schmerzlos wird der Tatbestand festgehalten, weniger schmerzfrei sind die finalen Reflexionen der Sterbenden. Auch hier geht es vorrangig um Liebe, bedacht wird sie in verschiedenen Zeiten des Lebens, in der hitzigen Jugend, ohne und mit Kindern, beim Arbeiten, Altern, Kranksein, dem Sterben der Eltern. Die Autorin, Radiomoderatorin und Filmemacherin, die für ZDF-Aspekte und den WDR arbeitete, lässt die Stationen kompakt abrollen auf wenig über 100 Seiten. Liebe steht scheinbar nicht im Mittelpunkt, aber die Frau ist verehrt und begehrt, betrogen und verlassen worden. Sie hat Männer verzaubert und war kalt und grausam zu ihnen. Sie lässt sich auf dem Sterbebett nichts durchgehen, alles kommt noch mal auf den Prüfstein. Es ist ein gewöhnliches Leben, das sich vor uns ausbreitet. Aber mit welchen Erlebnissen und Befremdungen, mit wie viel Energie und Abscheu, mit prägenden und demütigenden Erinnerungen. Und zwischendurch mit heiteren Szenen auf Reisen, in Restaurants und Hotels. Das Resümmee fällt jedoch bitter aus, und die Leser verstehen, warum das nicht anders geht. Verstehen es bis zuletzt.
Saskia Fischer: „Ostergewitter.” Suhrkamp, Berlin, 196 S., 19,95 Euro.
Manuela Reichart: „Zehn Minuten und ein ganzes Leben.” S. Fischer, Frankfurt, 110 S., 16,99 Euro.