LITERATUR: Hortense mit der Reitpeitsche

Isabel Allende legt mit „Die Insel unter dem Meer“ einen Historienroman aus Haiti im 18. Jahrhundert vor

Isabel Allende erzählt routiniert-souverän vom Schicksal Haitis Ende des 18. Jahrhunderts – und wie Frauen und Männer diese Zeit erleben. Sie erzählt vom Sklavenaufstand, von ein bisschen Liebe, viel Sinnlichkeit und Hass.

Von Roland Mischke

„Hortense ist ein Prachtweib“, sagt der eine Mann zum anderen Mann. Sie muss aber, schon dreißig, endlich unter die Haube. Der Mann, mit dem „die blütenweiße Kreolin“ einst verlobt war, ein ungeschickter Reiter, stürzte vom Pferd und brach sich das Genick, so dass Hortense „noch vor der Heirat zur Witwe“ geworden war.

Hortense zeigt sich sinnlich

Doch von guter Herkunft, aus einer Landbesitzerfamilie, ist sie attraktiv, so dass Plantagenbesitzer Valmorain sich von dem Verwandten der Dame und den Kupplerinnen, die sie an den Mann zu bringen hatten, betören lässt. Er, der Witwer, der mit einer Sklavin liiert ist und Kinder hat, heiratet die Frau und hat sie danach „in die Geheimnisse der Liebe“ einzuführen.
Das bringt den Schwung seiner Jugend zurück und Hortense, „gepeinigt von ungestilltem Verlagen und unerfüllter Liebe“, von „entwaffnender Üppigkeit“, mit „Kurven und Mulden“, zeigt sich von ihrer sinnlichen Seite. Doch kurze Zeit später auf der Plantage ist sie „wie ausgewechselt: engstirnig, knauserig und anstrengend“. Sie treibt ihren Mann an, noch mehr Geld zu machen, noch mehr Sklaven zu haben und diesen die Essration zu kürzen und sie wie Arbeitstiere zu halten. Valmorain nimmt das hin, auch das Hortense die Sklaven selbst auspeitscht und es danach, sichtlich angeregt, zu „akrobatischen Kunststücken im Bett“ bringt.

Tropischer Historienroman

Man nehme rassige Frauen, gierige Männer und kreolisch scharf gewürzte Liebesgeschichten – und schon hat man einen Historienroman, der Leser in den Bann zwingt. In ihrem 19. Roman verlässt sich Isabel Allende, 68, auf ihr altes Romanbau-Muster. Die Handlung verlegt sie auf Haiti, die „Insel unter dem Meer“, nach Kuba und Louisiana. Französische Kolonisten agieren dort, fern der Heimat, die nur noch ein ferner Sehnsuchtsort ist. Mulattische Sklaven erdulden ihr Schicksal. Es ist ständig tropisch schwül, Voodoo-Rituale verzaubern Menschen, mal heilen, mal zerstören sie sie. Und dazu gibt es noch Dramatik. Valmorain stirbt seine erste Frau Eugenia weg, die wegen Spukgeschichten erst den Verstand, dann den Lebenswillen verliert. Er holt sich die minderjährige Zarité ins Bett, die sich vor ihm ekelt und sich doch seiner Kinder annimmt. Schließlich rettet sie ihm sogar das Leben, als 1791 der Sklavenaufstand losbricht und die Plantagenfamilien panisch von der Insel fliehen. Haiti wird zur ersten unabhängigen Republik Lateinamerikas, wenn auch nur für kurze Zeit.

Künstliche Welt, mit Exotik gewürzt

Isabel Allende hat in einem Interview erklärt, sie habe vier Jahre für den Roman gebraucht, weil die Recherchen so aufwendig waren. Sie verstrickt den Leser in ihre detailüberbordende Berichterstattung über die haitianische Revolution mit all ihren Wirren, bastelt in den Aufruhr hinein eine etwas verquere Liebesgeschichte, die sich Zarité, die ehemalige Sklavin ihres Herrn Valmorain, mit einem jugendlichen Lover leistet, und führt sie ansonsten als Heldin durch den Roman. Doch die Figuren, aus deren Perspektiven in einzelnen Kapiteln erzählt wird, sind kostümiert und isoliert. Zwischen ihren Erlebnissen liegen historische Erzählstränge wie verrutschte Seile und die Sprache der Figuren wirkt naiv-formelhaft, selbst wenn Zarité in ihrer Verzweiflung die afrikanische Liebesgöttin „Erzuli“ um Erbarmen ersucht. Es ist eine künstliche Welt, die Allende geschaffen hat, zwar vor historisch korrekter Folie, aber mit dem Exotismuseffekt.
Das Buch über die schaurig-aufregenden Tropen wird trotzdem ein Verkaufserfolg und sicher auch verfilmt werden. Hortense mit Reitpeitsche auf der Leinwand, das wird bleiben von der versuchten Geschichtslektion.

Isabel Allende: „Die Insel unter dem Meer.“ Aus dem Spanischen von Svenja Becker. Suhrkamp, Berlin 2010, 556 S., 24,90 Euro

Freitag, 03.09.2010