Spionageskandal in kanadischer Marine erinnert an Ära des Kalten Krieges - NATO-Geheimnisse in Reichweite eines russischen Spions
Die Spionageaffäre um einen Offizier der kanadischen Marine sorgt für Aufregung in Sicherheitskreisen. So wird darüber spekuliert, ob Russland eine wichtige Nachrichtendienstzentrale in Halifax infiltriert und damit Zugang zu geheimen NATO-Daten erlangt hat.
Von Roman Goergen, Toronto
Kanadas Marinestreitkräfte sollen „die Augen und Ohren” für die NATO im Nordatlantik stellen. Mit seiner geostrategischen Lage ist das Land der ideale Kandidat, um die Manöver russischer Kriegsschiffe zu beobachten und über die Bewegungen seiner U-Boote Buch zu führen. Doch nun deutet vieles darauf hin, dass Russland stattdessen seine eigenen Augen und Ohren direkt im nachrichtendienstlichen Nervenzentrum der „Royal Canadian Navy” (RCN) hatte. Als am Dienstag große Teile des Stabes der geheimen Nachrichtenzentrale HMCS Trinity in Halifax evakuiert wurden, da war jedem der Zusammenhang mit der Spionage-Affäre um den Marine-Offizier Jeffrey Delisle klar.
Lebenslange Haft
Der im RCN-Nachrichtendienst tätige Unterleutnant Delisle war am 16. Januar unter dem akuten Verdacht, zwischen 2007 und 2012 „für eine ausländische Macht” spioniert zu haben, verhaftet worden. Der 40-jährige war seit August 2011 in der Trinity-Zentrale tätig und hatte dort Zugang zu streng geheimen Marinedokumenten. Delisle ist der erste Kanadier, der unter dem Gesetz zur Informationssicherheit angeklagt wird, das Ende 2001 als Reaktion zu den Terrorattacken des 11.September verabschiedet wurde. Sollte er als schuldig befunden werden, droht dem Offizier lebenslange Haft.
Russland als vermuteter Drahtzieher
Obwohl von offizieller Regierungsseite die Identität der ausländischen Macht nicht preisgegeben wurde, sind sich alle Experten darüber einig, dass es sich um Russland handelt. Die Nachrichtenagentur Canadian Press zitierte am Mittwoch eine Quelle im kanadischen Verteidigungsministerium, dass „Befremdung und deutliche Worte” über die Affäre an Moskau gerichtet worden seien.
In diesem Zusammenhang sorgt auch die Abreise von vier russischen Diplomaten aus Kanada für Verwirrung. Der Sender CTV berichtete Ende vergangener Woche, dass die Namen der Russen „leise” von einer Regierungsliste in Kanada anerkannter Diplomaten entfernt worden seien, was einer Ausweisung gleichkomme. Dabei sei besonders auffällig, dass unter den Betroffenen der stellvertretende Militär-Attaché Dimitri Fedorschatenko sei, dessen Aufgabenbereich ein klares Interesse an der Tätigkeit Delisles mit sich gebracht hätte. Der Bericht wurde von russischen Regierungsquellen dementiert, die plausibel belegen, dass die Diplomaten schon einige Wochen zuvor und im Rahmen ihrer normalen Dienstzeit nach Russland zurückkehrten.
Regierung schweigt
Geheimdienstexperten verweisen zudem darauf, dass eine für solche Affären sonst übliche Reaktion Moskaus, am wahrscheinlichsten die Ausweisung von vier kanadischen Diplomaten aus Russland, nicht stattgefunden habe.
Kanadas Regierung hüllt sich bei dem Rätselraten um den Fall Delisle vor allem in Schweigen. Das oberste Interesse von Verteidigungsminister Peter MacKay bestand bislang darin, den NATO-Partnern zu versichern, dass sensitive Informationen über das Bündnis nicht in falsche Hände geraten seien. „Unsere Verbündeten haben vollstes Vertrauen in uns”, verkündete MacKay.
Wichtige Nachrichtenzentrale kompromittiert?
Doch genau darüber kommen nun verstärkt Zweifel auf. Besonders die Teilevakuierung und Durchsuchung der Trinity-Zentrale in Halifax macht Kenner der kanadischen Marine nervös. Während Karina Holder, Sprecherin der Militärpolizei, die Maßnahme als „Teil eines normalen und angemessenen Eindämmungsplans” bezeichnete, sieht Geheimdienstexperte Wesley Wark darin das bislang „aussagekräftigste Ereignis” der gesamten Affäre. „Wenn Trinity jetzt auf den Kopf gestellt wird, dann vermuteten die Behörden, dass Delisle dort einen großen Schaden angerichtet hat. Außerdem könnte es die Sorge geben, dass er innerhalb von Trinity einen Helfer hatte”, sagt Wark, der an den Universitäten von Toronto und Ottawa Sicherheitspolitik lehrt.
Wenn die Computersysteme von Trinity von Delisle infiltriert worden wären, so wie Ward befürchtet, wäre dies für Kanada ein nachrichtendienstlicher Super-GAU. Unter anderem werden dort geheime Nachrichten von NATO-Partnern empfangen. Und nicht nur das. Auch über die Methoden der kanadischen Nachrichtenübermittlung könnte Russland Einblick erlangen. „Sind unsere kodierten Kommunikationen kompromittiert worden? Sind unsere Verschlüsselungs-Techniken nun bekannt?”, möchte Ward wissen.
Russlandphobie in Kanadas Regierung
Kritiker behaupten unterdessen, dass sich die kanadische Regierung mit einer antiquierten Außenpolitik die Spionage-Affäre selbst eingebrockt habe. „Die stecken in einer Kalter-Krieg-Mentalität fest”, sagt Professor Piotr Dutkiewicz, Russland-Experte an der Carleton-Universität in Ottawa. Beobachter wie Dutkiewicz folgern, dass Russland wenig Grund habe, seine Politik und Einstellung gegenüber Kanada zu ändern, wenn es dort ohnehin ständig als der Bösewicht aus dem Osten charakterisiert werde. Der ehemalige kanadische Botschafter in Moskau, Christopher Westdal, bescheinigt der Harper-Regierung sogar eine ausgeprägte „Russland-Phobie”. So habe besonders Harpers Innenminister Jason Kenney im Wahlkampf wiederholt mit russlandfeindlichen Parolen um die Stimmen osteuropäischer Immigranten geworben. Auch Verteidigungsminister MacKay ist dafür bekannt, mit dem Angstgespenst einer militärischen Bedrohung durch Russland umstrittene Rüstungsprojekte zu rechtfertigen.
Jeffrey Delisle soll nun am 28.Februar vor einem Richter erscheinen. Sollte grünes Licht für eine Gerichtsverhandlung gegeben werden, wäre es der erste Spionageprozess in Kanada seit 20 Jahren.