ITALIEN: Fiatchef löst Autokrieg aus

Sergio Marchionne greift Volkswagen scharf an - Auch US-Autoindustrie über VW-Rabatte empört

Volkswagen fordert den Fiatchef Sergio Marchionne zum Rücktritt als Vorsitzender des Dachverbandes Acea auf. Vorausgegangen sind der Forderung Vorwürfe Marchionnes, VW würde mit seiner Preispolitik ein „Blutbad” auslösen. Das sehen auch andere so.

Von Wolf H. Wagner, Florenz

Getroffene Hunde bellen: Nach der Aussage des Fiat-Chefs Sergio Marchionne, der deutsche Automobilhersteller Volkswagen (VW) richte mit seiner aggressiven Rabattpolitik ein „Blutbad” bei den Händlermargen an, wütet die Chefetage von VW. Marchionne müsse umgehend seinen Vorsitz beim europäischen Autoherstellerverband Acea niederlegen. Der 1991 gegründete Verband vertritt die Interessen von 18 Herstellern von Autos, Lastwagen und Bussen auf europäischer Ebene. Marchionne folgte 2011 Daimler-Chef Dieter Zetsche auf den Posten des Präsidenten. Nun forderte VW-Kommunikationschef Stephan Grühsem den Rücktritt des Italo-Kanadiers, der für seine markanten Sprüche bekannt ist. Hintergrund des ganzen Streits ist der Kampf der Automobilhersteller um die europäischen Marktanteile.

VW legt in USA und China zu

Nach Einschätzung der Wirtschaftsagentur Bloomberg erwirtschaftet VW im ersten Halbjahr 2012 einen Betriebsgewinn von 8,8 Milliarden Euro (10,6 Milliarden Franken). Dies sei vor allem dem starken Anwachsen der Verkaufszahlen in den USA und in China zu verdanken, wo VW eine Umsatzsteigerung um 23 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum erreichen konnte. Dies entspricht einem Ergebnis von 95,4 Milliarden Euro. Die Volkswagen-Gruppe mit den Marken Audi, MAN, Scania, Seat und Skoda zeige sich in einem starken Kontrast zu den anderen europäischen Herstellern wie den französischen Marken Peugeot und Renault, den deutschen Opel und Daimler. Problematisch sind auch die Absatzzahlen Fiats auf dem europäischen Markt, Grund genug für den Vorsitzenden aus Turin, zu solch drastischen Äußerungen zu greifen. Wegen der schlechten Marktsituation sowohl im eigenen Land als auch bei den europäischen Nachbarn erwägt Sergio Marchionne Standortschließungen in Italien. So soll das sizilianische Werk in Termini Imerese komplett geschlossen werden. Die Arbeiter am Standort Pomigliano dell’Arco werden in Kurzarbeit oder Zwangsurlaub geschickt. Auch der klassische Standort Mirafiori ist gefährdet.

Marchionne erhält Zustimmung

Marchionne wirft VW vor, mit den Gewinnen aus den außereuropäischen Verkäufen den EU-Binnenmarkt zu destabilisieren. Der Wolfsburger Konzern gewähre Rabatte, mit denen die anderen Acea-Mitglieder nicht mithalten können. Während VW protestiert, genießt der Fiat-Chef in Paris Zustimmung. Auch in den USA teilt man die Besorgnis Marchionnes. So schreibt die „Detroit News”, die „Methoden von Volkswagen, mit den in anderen Teilen der Welt erwirtschafteten Gewinne in Europa Rabatte zu gewähren, zerstören letztendlich auch den Standort Detroit.” VW-Vertriebschef Christian Klingner erklärte, dass das „Thema Rabatte in einem schwächelnden europäischen Markt in der kommenden Zeit an Bedeutung gewinnen könnte”. Der Wolfsburger Konzern hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2018 größter Automobilbauer der Welt zu werden.
Ein ehrgeiziger Plan, der auf wenig Gegenliebe Marchionnes stößt. Immerhin hat der Fiat-Chef bereits 2009 - zum Einstieg bei Chrysler - sein Ziel geäußert, zu den im Jahre 2020 verbleibenden sechs Autoherstellern gehören zu wollen. Dass Marchionne in diesen Krisenzeiten heute besonders verärgert reagiert, ist aus dieser Sicht nur allzu verständlich.

Freitag, 27.07.2012