FRANKREICH: „Match unentschieden – also Sieg für Hollande“

Im Fernsehduell der beiden französischen Präsidentschaftskandidaten ging es hart zur Sache

Wenige Tage vor der französischen Präsidentschaftswahl attackierten sich die beiden Kontrahenten beim Fernsehduell scharf - Nicolas Sarkozy gelang es nicht, den sozialistischen Gegner aus der Ruhe zu bringen. Hollande ist mehr denn je der Favorit.

Von Birgit Holzer, Paris

Es hätte Nicolas Sarkozys große Chance sein sollen: Das Fernsehduell mit seinem sozialistischen Herausforderer François Hollande wenige Tage vor der französischen Präsidentschaftswahl an diesem Sonntag. Erbarmungsloser Angreifer, der er ist, wollte der Amtsinhaber mit seiner Schlagfertigkeit und seiner präsidialen Statur punkten, gegenüber einem Hollande, dem er Ausweichmanöver und ein unseriöses, da nicht finanzierbares Programm vorwirft.

Kommentatoren sehen Hollande vorn

Doch die von Sarkozy versprochene „Explosion” des Sozialisten fand nicht statt - ganz im Gegenteil. Im harten Schlagabtausch der beiden brillanten Rhetoriker, die einander sogar der Lüge, Verleumdung und Arroganz beschuldigten, fand sich der Amtsinhaber in der Defensive wieder gegenüber einem souveränen, angriffslustigen Hollande. Im Laufe der Diskussion, die sich vor allem um wirtschaftliche Maßnahmen, aber auch die Zukunft der Atomenergie und der Bildung drehte, wurde Sarkozy immer nervöser, zeigte er sogar alte Ticks wie das Schulterrollen, die er sich eigentlich abtrainiert hatte. Zwar konnte er Hollande für seine mangelnde internationale Erfahrung kritisieren und sich bei der Frage nach der Begrenzung der Einwanderung klarer positionieren - ein Signal an die Wähler der Rechtspopulistin Marine Le Pen. Der Sozialist behielt aber stets staatsmännische Contenance. „Match unentschieden - also Sieg für Hollande”, schlussfolgerten die französischen Kommentatoren nach der fast dreistündigen Debatte, die knapp 18 Millionen Franzosen verfolgt hatten. Denn dem Sozialisten reicht es, nicht als Verlierer herauszugehen. Nachdem Umfragen in den letzten Tagen einen Vorsprung für Hollande von mindestens sechs Prozentpunkten vorausgesagt hatten, hätte Sarkozy einen klaren Triumph gebraucht, um doch noch die Trendwende zu schaffen. Das misslang. „Die Favoritenposition Hollandes wurde gestärkt”, erklärte der Politikwissenschaftler Dominique Reynié.

Hollande wirft Sarkozy Schulden vor

Der Sozialist richtete sich in der komfortablen Situation des Herausforderers ein, der von der Unbeliebtheit des Präsidenten profitiert und ihn stets auf seine durchwachsene Bilanz zurück verweist: „Muss ich Sie, Monsieur Sarkozy, daran erinnern, dass Sie seit zehn Jahren an der Macht sind?”, fragte er, Sarkozys Jahre als Minister mit einrechnend. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit auf zehn Prozent, die 600 Milliarden Euro (720 Milliarden Franken) zusätzlichen Schulden seit Sarkozys Amtsantritt 2007 und das Außenhandelsdefizit von 70 Milliarden Euro seien schließlich nicht die Schuld der Sozialisten, die vor zehn Jahren die 35-Stunden-Woche eingeführt hatten. „Sie sind Chef für alles und verantwortlich für nichts”, ätzte Hollande. Dem hielt Sarkozy entgegen, mit seinem Versprechen, ein „normaler Präsident” zu sein, sei der Sozialist nicht auf der Höhe der Herausforderungen. Seine enttäuschende Regierungsbilanz erklärt er mit der Krise, aus der Frankreich im Vergleich zu - übrigens sozialistisch regierten - Ländern wie Spanien und Griechenland noch gut hervorgehe.

Deutschland als Vorbild genannt

Beide Kontrahenten nannten Deutschland als Vorbild hinsichtlich seiner niedrigen Arbeitslosigkeit - dabei warf Sarkozy, der sich auf die Unterstützung Angela Merkels und ihres Vorgängers Gerhard Schröder berief, Hollande vor, die Schuldenbremse und die von ihm geplante Erhöhung der Mehrwertsteuer abzulehnen: „Ihre Politik ist genau das Gegenteil von dem, was Deutschland gemacht hat.” Hollande beharrte weiter darauf, dass in Frankreich wie in Europa das Wachstum angekurbelt werden müsse. Mit dem Fernsehduell hat er einen weiteren Schritt getan, dort bald mitreden zu können - dass er nächster Präsident wird, scheint immer wahrscheinlicher.

Donnerstag, 03.05.2012