FILM: Berlin ist nicht München

Helmut Dietls Filmkomödie über Berlin missversteht die alt-neue deutsche Hauptstadt

Es wächst nicht zusammen, was nicht zusammengehört: Helmut Dietls Film „Zettl” wird seit Wochen als großer Hauptstadt-Film über Berlin angekündigt. Ins Kino kommt nun eine Komödie, die vor allem Vorurteile aufwärmt.

Von Roland Mischke

Als vor einem Vierteljahrhundert „Kir Royal” gezeigt wurde, konnte die Filmgeschichte begeistern. Es ging um ein Dorf namens München, in dem in Schwabing jeder jeden kannte und alle eine Seilschaft bildeten. Im Mittelpunkt Baby Schimmerlos (Franz Xaver Kroetz), eine nach oben strebende und zugleich von der Oberschicht angewiderte Figur, die man nur mögen konnte.

Verquickung von Macht und Sex

In Helmut Dietls neuem Panoramafilm, der nächste Woche in die Kinos kommt und Deutschlands alt-neue Hauptstadt charakterisieren soll, heißt der Hauptdarsteller Max Zettl (Bully Herbig). Der irrlichtert als Zugereister durch das politische Berlin, erlebt die Verquickung von Macht und Sex. Als er gegen Ende zum Regierungssprecher aufsteigt, sagt man ihm: „Keiner lügt so schön wie du. Dir glaubt man alles, sogar die Wahrheit.” Klingt pfiffig, aber was soll das Wortgeklingel überhaupt aussagen?

Als Berlin-Film misslungen

2012 ist nicht mehr 1986, die verzettelte Hauptfigur kann den Film nicht tragen. Man lacht über den Medienmann, der die Verlogenheit der Politik und des Landes aufdecken will, wundert sich über seine Naivität und ärgert sich über seine Provinzallüren. Die Gesellschaftssatire läuft ins Leere, weil die Berliner Wirklichkeit viel komplexer ist. Das hat Helmut Dietl nicht erfasst, und auch sein in Berlin lebender Drehbuchschreiber Benjamin von Stuckrad-Barre hat hauptsächlich auf Klamauk gesetzt. „Zettl” ist lustig, es gibt Szenen, die Brüller im Publikum auslösen werden, aber als Berlin-Film ist er misslungen.

Den Meinungsmachern hinterhergereist

Warum, das ist schnell geklärt: Helmut Dietl, ein Ur-Münchner Gewächs, bayerisch bis zum Loden, war durch „Kir Royal” berühmt geworden, hatte mit „Schtonk” (einem Film über die gefälschten Hitler-Tagebücher) noch mal Aufsehen erregt und es zu einer Oscar-Nominierung gebracht. Nun bot sich die nach der Wiedervereinigung zum Hauptstadt-Status rappelnde preußische Großstadt im tiefen Brandenburg an. Alle wären dort, klagte Dietl in einem Interview neulich. „Wenn Sie in München ausgehen, begegnen Sie allmählich niemandem mehr.” Gemeint sind Meinungsmultiplikatoren und Medienmacher. Dann der Entschluss, „Kir Royal II” zu drehen, um die neue High Society der Republik in der ungeliebten Nord-Stadt grell in Szene zu setzen. Dietl kam zum Drehbuchschreiben nach Berlin, lebte einige Wochen in einer Wohnung am Monbijou-Park nahe der Museumsinsel, und wollte sich - mitten in Berlin-Mitte - den Stoff erobern.

Mit der Absage Franz Xaver Kroetz‘ erledigt

Er hat sich aber nur hinlänglich bekannte Vorurteile angeeignet, hat sie noch mal überdreht und dazu einen hoffnungslos überforderten Wiedergänger des genialen Klatschreporters Schimmerlos gefunden. Ursprünglich wollte er Franz Xaver Kroetz nach Berlin umtopfen. Doch der, auch Ur-Bayer, folgte seinem Bauchgefühl und sagte ab. Damit war der Film schon erledigt, denn Kroetz-Ersatz Bully Herbig kann seinem Vorgänger nicht im Geringsten das Wasser reichen. Er ist glatt, alert, auch komisch, doch kein eigenwilliger Charakter, ihn umflort nicht die wunderbare Kroetzsche Melancholie. Nichts ist hintersinnig an diesem Film, die Szenen trumpfen plump auf und sind reduziert auf eine banal-gemütliche Rossini-Atmosphäre und die Gesprächsschwaden der Bar Schumann’s.

Keine Berliner im Berlin-Film

Borchardt und Grill Royal sind aber viel größer, die blasierten Kellner dort keine kumpeligen Zuträger der Schwabing-Bande. Der Film mit Frank Sinatra einsetzt und die Skyline von Manhattan zeigt, erscheint grotesk, denn der Berliner hat keinen New-York-Komplex. Er findet, nach Big Apple fliegt man mal zum Shoppen und Gucken, spannender ist es aber zu Hause. Dietl denunziert, weil er die Berliner versteht. Sie kommen deshalb auch gar nicht vor in seinem Film, kein einziger. Nur eine zugereiste, durchgeknallte Pseudo-Elite, die nach oben geilt und nach unten tritt, seelisch unreif, gierig nach Anerkennung und, ja, Liebe, trotzdem hinterfotzig, weil sie Liebe seriell mit Sex verwechselt. Das macht tatsächlich auf Dauer keine Freude, sondern deprimiert. Dietls Schickeria-Drehbuch deprimiert, der Realitätsgehalt geht gegen Null. Die Handlung des Films spielt in einem Niemandsland.

Gute Schauspieler

Das ist schade, denn das Schauspieler-Aufgebot ist großartig, und Einzelne zeigen ihr Können. Götz George als abgetakelter Kanzler - ein Ereignis. Sunnyi Melles als Talkerin Jacky Timmendorf - grandios. Dagmar Menzel als Berliner Regierende Bürgermeisterin - mit starken Szenen. Harald Schmidt als Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern - beachtlich. Caroline Herfurth als Geliebte Zettls - eine ausgefallene Charakterdarstellung. Ulrich Tukur als Schweizer Verleger mit perversen Neigungen - überzeugend. Gert Voss als Leibarzt - ein raffinierter Mime. Die meisten Darsteller geben eine gute Figur ab, aber die Figuren passen nicht zusammen. Die Geschichte läuft irr und stellt alles mögliche dar, nur nicht das, was sie zu zeigen vorgibt: das politische Berlin. Die reale Dramatik um Bundespräsident Wulff etwa übertrifft bei weitem Dietls Zerrbild der Politikerkaste. Der Regisseur gibt eine Collage als filmisches Werk aus, das am Ende auf Stammtischniveau absinkt. „Die da oben”, heißt es. Und damit soll wohl alles gesagt sein. Es sagt jedenfalls alles über diesen Film, in dem nicht zusammen wächst, was nicht zusammen gehört.

Freitag, 27.01.2012