Europarat-Vorstoß gegen Sexismus führt zu hitziger Debatte über Rollenbilder in der Sprache
Eigentlich wollte der Europarat nur ein moderneres Frauenbild propagieren, indem er dazu riet, beispielsweise in Behörden eine „nicht sexistische Sprache“ zu verwenden. Jetzt wirft man ihm vor, er wolle „Mutter“ und „Vater“ durch „Elter“ ersetzen. Eine Entwarnung.
Von Birgit Holzer, Paris/Straßburg
Schon mit dem ersten Wort, das so manches Baby brabbelt, erweist es sich als kleine(r) Sexist(in). Schließlich ist schon ein Ausdruck wie „Mama“ oder „Papa“ eine Rollen-Bezeichnung, die vom geschlechtsneutralen Ideal abweicht. Kein Wunder, dass der Knirps oder die Knirpsin auch später als Erwachsene(r) so diskriminierende Ausdrücke benutzen wird wie „Lehrerzimmer“ – dabei werden männliche Lehrer zumindest in Grundschulen rar – oder „Fußgängerweg“, als wären nicht auch Frauen zu Fuß unterwegs.
Generalüberprüfung notwendig?
So zumindest hat so manches Boulevard-Blatt eine Resolution des Europarates in Straßburg für mehr Gleichberechtigung von Männern und Frauen interpretiert und sofort gleichgesetzt mit der Anweisung, der liebevolle Ausdruck „Mama“ gehöre künftig ersetzt durch ein steriles „Elter“. Wer noch weitergehen will, müsste sogar eine Generalüberprüfung der deutschen Sprache machen, die von latenten Diskriminierungen nur so wimmelt, vom „Führer-Schein“ bis zur „Mann-Schaft“. Und das nicht nur im Deutschen, sondern beispielsweise auch im Französischen, wo der Wortschatz lange Zeit schlichtweg keine Politikerinnen oder Schriftstellerinnen vorsah und erst spät angepasst wurde.
Kampf gegen die Klischees
Der Europarat als aktiver Sprachzensor – das gibt eine aufregende Schlagzeile, überspitzt den eigentlichen Inhalt des Textes aber gewaltig, der weder Wörter verbietet noch Alternativen für all die männlich klingenden Bezeichnungen vorschlägt. Weder das klassische Familienmodell noch die Sprachen der 47 Europarats-Mitglieder sind in Gefahr.
Tatsächlich handelt es sich bei der Initiative der Schweizer Nationalrätin und Feministin Doris Stump um eine recht vage Ansammlung von Vorschlägen zum „Kampf gegen sexistische Stereotype in den Medien“. Sie greift eine einseitige Darstellung von Frauen in den Medien an, die allzu überkommenen Rollenbildern entspricht. Anstatt die Mutter oder den Begriff abzuschaffen, wird gefordert, Frauen nicht nur als passive Heimchen am Herd oder Sexsymbole herabzuwürdigen und Männer nicht grundsätzlich entweder als allmächtige Führungspersonen oder als triebgesteuerte Röckchen-Jäger darzustellen. Denn, so heißt es, die Medien reproduzierten unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit und auf unterschwellige Weise Klischees, die Sexismus statt Gleichbehandlung alltäglich machen.
Selbst Schwedens Medien machen mit
Dabei würde es schon reichen, einfach die Realität abzubilden. So ist einer Studie zufolge die Durchschnitts-Französin 41 Jahre alt, 1,63 Meter groß und wiegt 63 Kilogramm, während Frauenzeitschriften zu 86 Prozent junge und zu 93 Prozent schlanke Damen präsentieren. In nachrichtlichen Formaten treten Männer fünfmal so oft in Erscheinung als Frauen, ob als Forscher, Unternehmenssprecher oder Politiker. Schweden wird als Beispiel genannt, wo das Parlament zu 46 Prozent weiblich besetzt ist, die Parlamentarierinnen aber nur zu 28 Prozent im Fernsehen gezeigt werden. Expertenmeinungen stammen zu 83 Prozent von Männern – Frauen, die auch etwas zu sagen haben, kommen allzu oft gar nicht zu Wort.