In vielen europäischen Ländern werden Schlecker-Filialen künftig unter anderem Namen geführt
Während sich Anton Schlecker in Deutschland mit Ermittlungsverfahren konfrontiert sieht, geht andernorts in Europa der Betrieb der Märkte weiter. Französische und österreichische Investoren wollen Namen und Konzept jedoch schnellstmöglich ändern. Die Idee Schlecker ist gescheitert.
Von Robert Schmidt, Lyon
Besuch in einem Schlecker-XL in Lyon: Der Verkaufsraum erscheint hell und wirkt weniger kalt als viele Geschäfte im deutschsprachigen Raum. Kaffee, Lebensmittel und Süßigkeiten soll es künftig verstärkt geben. Vor rund einem Jahr hat Schlecker hier mit Renovierungs- und Umräumungsarbeiten versucht, noch einmal das Ruder rumzureißen. „Viel zu spät”, meint Marktleiter Faid Hassaine. Seit langem laufen die Kunden davon. „Wir haben in den vergangenen fünf Jahren mehr als die Hälfte unserer Kundschaft verloren”, erklärt der Marktleiter. Stammkunden wären durch planwirtschaftliche Sortimentsentscheidungen aus der deutschen Zentrale verprellt worden.
Schlecker war praktisch unsichtbar
An diesem Werktag Mitte August sind um 18 Uhr nur etwa zehn Personen im Markt. Die meisten von ihnen kaufen Kleinigkeiten, scheinbar vor allem Dinge, die sie im Supermarkt vergessen oder dort nicht gefunden haben: spezielle Shampoos, wohlriechendes Toilettenpapier. Eine einzige Verkäuferin kümmert sich um Kasse und Warenauffüllen - Zeit für Kundengespräche bleibt da wenig. „Ich gehe schon seit Jahren zu Schlecker”, erklärt eine etwa fünfzigjährige Kundin. Sie käme einmal pro Woche wegen der „vielen Sonderangebote.”
Doch das System des deutschen Drogerieanbieters hat sich auch in Frankreich nicht durchsetzen können. Ende Mai hat die französische Supermarktkette Système U alle 139 Schlecker-Filialen gekauft. Er sei in seinem Leben weder in einer Schlecker-Geschäft gewesen noch habe er von der Marke gehört, erklärt der Sprecher von Système U, Thierry Desouches, auf Nachfrage. „Schlecker war in Frankreich quasi unsichtbar.” Das wird sich auch in den kommenden Monaten nicht mehr ändern. Système U plant, die Geschäfte nur noch bis Anfang kommenden Jahres unter ihrem alten Namen weiter zu führen.
Investor äußert scharfe Kritik
„Auf diese Art und Weise hat man doch vor zwanzig Jahren Geschäfte gemacht, das ist ein Konzept der Vergangenheit”, so das harte Urteil des Sprechers. Der französische Kunde wolle „einen Markt in seiner Nähe und Bananen neben dem Waschmittel.” Künftig werden die Läden unter der Marke U als kleine Einkaufsmärkte betrieben. „Es sollte nicht zu Schließungen kommen”, verspricht Desouches vage. Die Lage der meisten Märkte sei gut und verspreche Profit. Das Personal werde man übernehmen, vielmehr noch neue Mitarbeiter einstellen. Auch Hassaines Markt wird nicht mehr als Schlecker weitergeführt. „Dann gibt es endlich mehr Kunden”, freut sich dieser.
Konzept ist europaweit gescheitert
Zwei Monate später als in Frankreich schlugen österreichische Investoren zu. Ende vorigen Monats wurde bekannt, dass die die Wiener Beteiligungsgesellschaft Tap 09 alle 1350 Geschäfte in Österreich, Italien, Polen, Belgien und Luxemburg übernommen habe. Über den Kaufpreis und die Vertragsdetails vereinbarten beide Parteien Stillschweigen, hieß es in einer Mitteilung. Alle der mehr als 4000 Angestellten wolle man weiterbeschäftigen. Das bisher unbekannte Unternehmen will die Handelskette unter dem Namen Daily neu auszurichten und ebenso wie im Falle der französischen Investoren nicht nur Drogerieartikel anbieten.
Damit scheint das Modell des reinen Drogeriemarktes in Europa gescheitert. DM bietet seit Längerem schon spezielle Lebensmittel wie Diätprodukte an, Müller präsentiert sich vielerorts als Kaufhaus. Auch Rossmann hält nicht an der Ein-Produkttyp-Strategie fest und kämpft, wie vor kurzem noch Schlecker, durch Rabattaktionen um Marktanteile. Im Unterschied zu Schlecker führt Rossmann aber ein breiteres Sortiment auch von Nicht-Drogerie-Artikeln und könnte sich so am Markt halten.
Monopolist ohne Kunden
In Deutschland hat die Schlecker-Pleite rund 25.000 Menschen die Anstellung gekostet, vier von fünf ehemaligen Angestellten haben bis heute keine neue Stelle gefunden. Umso schlimmer, was derweil derzeit nach und nach durch sickert. Schleckers Kinder stilisierten sich im Internet als arm, wollten sich aber zu Presseberichten über ihren Fuhrpark und ihr Privatvermögen nicht äußern. Schleckers Ehefrau soll ein „Gehalt” von 60.000 Euro monatlich erhalten haben, so die Staatsanwaltschaft Stuttgart, die gegen den Firmenchef wegen Insolvenzverschleppung ermittelt. „Schlecker, der alte Monopolist”, so hatte Nonsens-Komiker Helge Schneider Anton Schlecker Anfang des Jahrtausends noch betitelt. Damals ahnte noch keiner, dass sogar diesem Monopolisten einmal eines fehlen könnte: die Kunden.