Erhaltung der Gesundheit der eingeschlossenen Bergleute als größte Herausforderung - Aufsichtsbehörden haben bei Sicherheitsproblemen weggeschaut
Seit Dienstag wird ein Rettungsschaft im Bergwerk San José gebohrt. Derweil wird das Sicherheitsproblem in Chiles Bergwerken immer offensichtlicher und stellt den neuen Präsidenten Sebastián Piñera vor eine Bewährungsprobe.
Von Tjerk Brühwiller, São Paulo
Meter für Meter frisst sich der Spezialbohrer in den Fels bei der Kupfer- und Goldmine San José in der Atacama-Wüste und öffnet einen rund 30 Zentimeter breiten Schacht. Zwischen 8 und 20 Meter schafft das Gerät pro Tag. Es wird Wochen dauern, bis der in 700 Meter Tiefe gelegene Stollen erreicht ist, in dem die 33 Kumpel seit dem Grubenunglück am 5. August festsitzen. Die Arbeiten, die am Mittwoch kurzzeitig unterbrochen werden mussten, sind riskant, da sie weitere Einstürze der instabilen Grube provozieren könnten.
Ausharren in der Tiefe
Die größte Gefahr droht den eingeschlossenen Bergleuten jedoch in Form von Krankheiten. Seit fast einem Monat sind die 33 Männer im Stollen eingeschlossen. Dementsprechend feucht und abgestanden ist die Luft. Gemäß dem chilenischen Gesundheitsminister Jaime Mañalich leiden einzelne Männer bereits unter Infektionen, Hauterkrankungen sowie Verdauungs- und Schlafstörungen. Trotz der dramatischen Lage scheinen die meisten Bergleute wohlauf zu sein.
Dass die Männer körperlich und geistig bei guter Gesundheit bleiben, ist äußerst wichtig für das Gelingen der Bergungsaktion, nicht zuletzt, weil die Bergleute im zweiten Teil der Bohrung bis zu 4000 Tonnen Gestein wegräumen müssen. Es sei eine noch nie da gewesene Aufgabe, die Männer im Stollen so lange gesund zu halten, sagte Jaime Mañalich.
Seit Dienstag kann das Bergungsteam auf die Unterstützung von vier Experten der US-Raumfahrtbehörde NASA zählen, welche über große Erfahrung in der Betreuung von Astronauten verfügen, die lange Zeit im All sind. Mental und physisch handle es sich um eine vergleichbare Situation, sagte Michael Duncan, der leitende Arzt der Delegation.
Solidarität mit Familien
Seit dem 22. August, als die Bergleute 17 Tage nach dem Grubenunglück ein erstes Lebenszeichen von sich gaben, werden die 33 Männer im Untergrund wie Helden verehrt. Gleichzeitig geht eine Welle der Solidarität durchs Land, ein Spendenkonto ist eingerichtet.
Die Spenden sind nötig, denn die Bergleute bangen seit dem Unglück am 5. August um ihr Einkommen. Das Unternehmen San Esteban, dem die Mine San José gehört, soll kurz vor dem Konkurs stehen und ab September die Löhne nicht mehr zahlen können. Ein Richter verfügte vergangene Woche die Einfrierung von rund 1,5 Millionen Euro aus den Einnahmen des Unternehmens für künftige Entschädigungszahlungen. Die Forderung der Gewerkschaften, die Gehälter der Minenarbeiter bis zur Rettung der Eingeschlossenen zu bezahlen, lehnte die Regierung jedoch ab.
Kontrollbehörden haben versagt
Derweil läuft die Suche nach den Ursachen und den Verantwortlichen. Die Regierung werde Sanktionen verhängen, verkündete Präsident Sebastián Piñera und ließ sogleich Taten folgen: Der Mine San José sowie weiteren 17 Bergwerken wurde die Abbaugenehmigung entzogen, da sie die Sicherheitsstandards nicht einhalten. Schlecht weg kommen auch die Kontrollbehörden, welche Berichte über die mangelnden Sicherheitsvorkehrungen und die prekären Arbeitsbedingungen ignoriert haben sollen. Der Vorsteher der chilenischen Bergbau- und Energiebehörden sowie weitere leitende Angestellte wurden entlassen. Auch der für die Region Atacama zuständige Vertreter des Gesundheitsministeriums musste seinen Hut nehmen. Er hatte die Mine eine Woche vor dem Unglück wieder freigegeben, nachdem sie aufgrund eines Unfalls gesperrt gewesen war. Das alles dürfte jedoch erst die Spitze des Eisbergs sein. Experten zufolge sollen über 200 chilenische Bergbaubetriebe ohne minimale Sicherheitsvorkehrungen operieren.
Piñera gefordert
Nach nur fünf Monaten im Amt sieht sich Piñera mit einer ernsthaften Bewährungsprobe konfrontiert. Der erste rechte Präsident seit dem Ende der Pinochet-Diktatur vor zwei Jahrzehnten, der es als erfolgreicher Unternehmer zu Wohlstand gebracht hat, zeigt sich als Macher. So kündigte er die Schaffung einer neuen Aufsichtsbehörde an und versprach eine grundlegende Reform der Arbeitsgesetzgebung. Man könne Chile nicht als entwickeltes Land bezeichnen, solange die Sicherheit und Würde der Arbeiter nicht respektiert würden. Die Arbeitsbedingungen müssten verbessert werden. Ob sich Chiles Abgeordnete jedoch auf Reformen einlassen, ist fraglich. Gerade der Bergbausektor, der einen Großteil der Wertschöpfung Chiles erbringt, verfügt über eine starke Lobby. Allerdings steigt der Druck mit jedem Tag, den das Drama in der Mine andauert. Deshalb dürften auch gewisse Unternehmer und Politiker auf eine baldige Rettung der 33 Helden hoffen.