Pausen in der Karriere können auch dem Arbeitgeber nützen - Interview mit Marzio Medici
Die Karriere bis zur Pensionierung ist nicht mehr das Ideal aller Arbeitnehmer. Karrierepausen müssen ebenso möglich sein wie der freiwillige Rückzug ins zweite Glied, sagt der Personalberater Marzio Medici.
Interview: Martina Gyger
Haben Geld, Macht und Status bei jungen Leuten an Reiz verloren?
Marzio Medici: Das Image der Spitzenmanager hat in den letzten Jahren massiv gelitten. Stichworte hierzu sind Skandale im Zusammenhang mit persönlicher Bereicherung, dann die exorbitanten und nicht mehr nachvollziehbaren Millionengehälter und generell der krasse Machtmissbrauch. Ethik scheint wieder an Wert zu gewinnen. Doppelverdiener können sich auch in höheren Fachspezialistenpositionen oder im mittleren Management ein beachtliches Einkommen erwirtschaften und der Trend zu eher kleineren Familien nimmt auch Einkommensdruck vom Alleinverdiener weg. Die Work-Life-Balance hat massiv an Bedeutung zugelegt.
Gilt das auch für ältere Mitarbeiter?
Paradoxerweise gilt in unserer Gesellschaft immer noch die Devise, dass das Gehalt bis zur Pensionierung steigen muss. Da die Leistungsfähigkeit in der Regel über fünfzig eher abnimmt, steigt der Druck auf diese Altersklasse. Bin ich mein Geld noch wert? Werde ich eventuell gegen eine „günstigere” jüngere Person ausgetauscht? Viele würden freiwillig in das zweite Glied zurücktreten, wenn dies ohne Gesichtsverlust möglich wäre. Wir müssen lernen, dass das Abgeben eines Titels und eine damit verbundene angemessene Salärreduktion nicht einer Niederlage gleichkommt.
Wie viel „Karriereunlust” darf man beim Berufseinstieg signalisieren?
Da man als Berufseinsteiger die Mechanismen der Wirtschaftswelt noch zu wenig kennt, wäre ich hier eher vorsichtig, um sich nicht spannende Optionen zuzuschütten. Es wird kaum so sein, dass schon bei der Rekrutierung dem Kandidaten klare Entwicklungswege aufgezeigt werden. Schliesslich will der Arbeitgeber den neuen Mitarbeiter zuerst erleben, um nicht von vorzeitig gemachten Versprechungen zurücktreten zu müssen. Meine Devise: „Einen guten Job machen” und das Ganze etwas geschehen lassen. Entscheiden, wenn Entscheide wirklich erforderlich sind.
Wie sollte man seinem Arbeitgeber mitteilen, dass man eine Karrierepause machen möchte, ohne sich etwas zu verbauen?
Einen modernen und verständnisvollen Arbeitgeber wird dieses Anliegen nicht „umhauen”. Zu sehr kennt heute jeder im Umfeld des permanenten Druckes, der steigenden Hektik und der damit verbundenen körperlichen Signalen solche (geheimen) Wünsche. Sehr wichtig erscheint mir eine frühzeitige Ankündigung, damit durch eine planbare und in gut funktionierenden Firmen auch gelebte Stellvertreterlösung die Situation aufgefangen werden kann. Die Botschaft könnte lauten, in der Entwicklungspause neue Energie zu schöpfen, um mit viel Elan wieder bewegen und verändern zu können.
Wie können Firmen auch weiterhin Führungskräfte aus den eigenen Reihen gewinnen?
Leider stellen wir immer wieder fest, dass hier massiv gesündigt wird. Sehr fähigen Internen werden laufend Externe vor die Nase gesetzt. Frustration macht sich breit. Es gilt also, mittels eines gelebten und transparenten Potentialerfassungssystems die eigenen Ressourcen genau zu kennen. Auf der Beförderungsliste stehende Mitarbeiter sollen gezielt in- und extern auf höhere Aufgaben vorbereitet werden. Ein hervorragendes Hilfsmittel hierzu sind übertragene Spezialprojekte, in welchen sich sehr rasch Managementqualitäten erkennen lassen. Das Salär spielt eine untergeordnete Rolle; viel wichtiger ist, dass sich der Vorgesetzte konstruktiv mit dem Kandidaten befasst.
Zur Person
Marzio Medici ist Mitinhaber der Medici & Sprecher AG Luzern, Kaderselektion (www.medici-sprecher.ch). Der studierte Maschineningenieur mit EMBA und langjährige Personaldirektor berät und begleitet seit 15 Jahren Unternehmen in der Suche und Vorselektion von hochspezialisierten Fach- und Führungskräften.