ARCHITEKTUR: Einfach und einfach schön

Ohne das Bauhaus gäbe es kein modernes Büro und keine moderne Küchenzeile

Bauhaus hat die Welt geprägt: In Weimar wird zum 90. Jubiläum der Künstler-, Designer- und Architektenvereinigung das sinnenfrohe Leben gefeiert, wie in den Bauhaus-Gründerzeiten. Fünf Museen sind bis Juli in einer Ausstellung vereint.

Von Roland Mischke, Weimar

Niemand kennt mehr den Fotografen Xanti Schwinsky, der zum inneren Zirkel der Bauhaus-Aktivisten gehörte. Doch ein Satz von ihm bleibt: „Wir tanzen die ganze Nacht.” Auch Felix, dem Sohn von Paul Klee, waren die Fußstapfen seines Vaters zu groß, um ihm folgen zu können. Der Bauhaus-Student berichtete: „Haben Sie eine Ahnung, wie wichtig die Feste waren, oft viel wichtiger als der Unterricht selbst.”

Stil für die Welt

Man darf sich die Erfinder des neuen Formstils, der von Weimar aus die Welt eroberte - nach der Zerschlagung der Weimarer Republik und der Vertreibung der Bauhaus-Macher durch die Nazis als „International Style” global bekannt geworden -, nicht als ernste Asketen vorstellen. Zwar entwarfen sie schlichte Türklinken und Teekannen in der Form von Zylindern, hängten Beleuchtungskörper an Drähte und saßen auf Sitzmöbeln, umgeben von Regalen und Tischen in geometrischer Form, die das Ikea-Mobiliar mehr als ein halbes Jahrhundert vorwegnahmen. Ohne Bauhaus kein Ikea, kein modernes Büro. Aber sie waren sinnesfrohe Zeitgenossen, diskutierten beim Wein, waren leicht chaotisch in ihrem Künstlertum, tanzten und feierten und möblierten nebenher die deutsche Moderne, die dann zum Exportartikel wurde und die Welt verändert hat. Bauhaus-Architektur und -Design gibt es heute überall: In Reinform wie in Weimar, Dessau und vor allem Tel Aviv - mit über 3000 Bauhaus-Häusern die stärkste Ballung weltweit - und als Inspiration für jegliche Art der Formgestaltung. Das Bauhaus war Deutschlands intellektuell-künstlerische Meisterleistung des 20. Jahrhunderts.

Republik der Geister

Es war nicht als Aprilscherz gemeint, als Walter Gropius am 1. April 1919 drohte: „Meine Idee von Weimar ist keine kleine.” Er rief die „Republik der Geister” aus, nach dem Schock des ersten Weltkriegs mit seiner Vernichtungsbarbarei sollte Freiheit in Köpfen und Räumen geschaffen werden, Klarheit, ein neuer Lebensstil. „Unser Bund werde ein Protest gegen bürgerliche Herzverstocktheit, Gemütsduselei und Scheinleben”, sagte Gropius. Er solle „vor lauem Leben bewahren”. Die Gründung der revolutionären Gestaltungsschule, das Staatliche Bauhaus, sollte die Großherzogliche Kunstgewerbeschule reformieren, die Entfaltungslinie - Punkt, Linie und Fläche - des Allround-Genies Henry van de Velde fortführen und das Städtchen radikal modernisieren. Was haben den Spießern unter den Weimarern die Knie geschlottert. Lange mussten sie die Stil-Revoluzzer nicht ertragen. 1925 zogen sie nach Dessau um. 1933 vertrieben sie das bunte Völkchen und jubelten Hitler zu, der mit seiner Rede vom Balkon des Bauhaus-inspirierten Hotels Elephant geistige Finsternis über Weimar legte.

Bauhaus lebt in Weimar

Gropius’ geplanter Siedlungsbau im Süden der Stadt wurde nicht mehr realisiert, das Institut des Fortschritts von tumben Uniformierten verrammelt. Größen wie Feininger, Kandinsky, Klee, Marcks, Oskar Schlemmer, Marcel Breuer, Johannes Itten, Marianne Brandt und László Moholy-Nagy wurden vertrieben.
Doch das Bauhaus lebt! In Weimar wird ihm in der warmen Jahreshälfte mit Blechmusik der Marsch geblasen, es gibt Festzüge, Performances, Agitprop, Mode und Bauhaus-Studenten, die zu den Attraktionen lotsen. Die fünf großen Museen der Stadt sind vereint durch die Ausstellung „Das Bauhaus kommt”, rund 1200 Exponate, aus der halben Welt zusammengeholt, werden gezeigt. Der Weg zwischen den Ausstellungshäusern ist als Stationenpfad angelegt, mit Textzitaten der Meister als Wegweisern. Wer ihn abgeschritten ist, weiß, dass die verfemte Avantgarde von damals manche Kunstrichtung von heute ziemlich alt aussehen lässt.

Alles offen

Im Hauptgebäude der Bauhäusler am Markt kann man durchs Treppenhaus mit seinen geometrischen Wandbildern bis hinauf in die weiten Oberlichträume, die Ateliers von Klee und Feininger, steigen und sogar das kubisch gestaltete Direktorenzimmer besichtigen. Am Ilmpark steht das Musterhaus von Georg Muche, 1923 in nur vier Monaten für die Bauhaus-Ausstellung errichtet. Ein pavillonartiger Bau mit Flachdach und hellen Räumen. Quadratisch, praktisch, gut, mit vorfabrizierten Segmenten erbaut. Im Neuen Museum werden die Werkstätten präsentiert, die Bauhaus-Manufakturen umfassten das ganze Alltagsleben, keine Formrichtung hat die westliche Lebenswelt stärker beeinflusst. Im Schiller-Museum wird Malerei gezeigt, im Goethe-Nationalmuseum die Farbexplosion der Bauhäusler. Sie machten die Welt nicht nur bunter, sondern trugen auch die Insignien des Fortschritts, massenkompatible Industrieprodukte, in sie hinaus. Bis hin zu unseren Küchenzeilen und der Typographie - alles hat das Bauhaus als Basis.
Die Ausstellung „Das Bauhaus kommt” läuft bis zum 5. Juli, Feiern und Veranstaltungen bis in den Herbst. Alle Infos: www.das-bauhaus-kommt.de

Montag, 06.04.2009